Politik : Das ökologische Risiko durch manipulierte Pflanzen ist schwer kalkulierbar (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Die Farmer in den USA verstehen die Welt nicht mehr. Ihre Kürbisse und Kartoffeln sind größer, ihr Mais gelber und ihre Sojabohnen gesünder als je zuvor. Doch die Preise stehen auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren, weil den wichtigsten Exportländern plötzlich der Appetit auf das gentechnisch aufpolierte Gemüse vergangen ist: Die Mexikaner wollen wieder natürlichen Mais für ihre Tortillas, in Japan werden Gen-Mais und Gen-Soja nicht mehr zu Bier und Tofu verarbeitet, und Südkorea will künftig sein Getreide gar vom Klassenfeind China beziehen.

Der scheinheilige Versuch der Clinton-Administration, auf der Welthandelskonferenz mit einer Arbeitsgruppe zu Fragen der Biotechnologie die von den 15 EU-Staaten sowie Norwegen, der Schweiz, Japan und Südkorea aufgebaute Front gegen "Frankenstein-Food" zu zermürben, ist kläglich gescheitert. Seit nach den US-Herstellern von Babynahrung nun auch noch einer der größten Futter-Fabrikanten für Haustiere nur noch "Gen-freie" Zutaten verwendet, steht fest: Die Bauern mit den dicksten Kartoffeln sind in diesem Jahr die Dummen. Mit dem Abbruch der WTO-Konferenz in Seattle fand zugleich ein lautloser Siegeszug der grünen Gentechnologie sein vorläufiges Ende.

Seit 1992 wurden Dutzende veränderter Getreidearten zugelassen. Heute ist in den USA jede zweite Maispflanze und jeder dritte Sojastrauch gentechnisch getunt, ein Drittel aller industriell gefertigten Lebensmittel ist bereits betroffen. Das Einschleusen von Genen aus Bakterien, Viren, Insekten oder sogar Tieren macht Pflanzen klimabeständiger, haltbarer oder nahrhafter - künftig sollen auch Bananen mit eingebautem Impfstoff oder Baumwolle mit Polyester-Zusatz geerntet werden können. Die größte wirtschaftliche Bedeutung haben derzeit Nutzpflanzen, die widerstandsfähig gegen (meist vom selben Hersteller stammende) chemische Unkrautvernichter sind oder selbst Gift gegen Unkraut oder Insekten ausscheiden.

Die eingebauten Selbstschussanlagen sind jedoch problematisch. Im Mai wurde bekannt, dass ein in den USA weit verbreiteter Gen-Mais, der das aus Bakterien stammende Insektizid "Bt-Toxin" produziert, auch die Raupen des Monarch liquidiert, eines unserem Admiral ähnlichen, von amerikanischen Kindern geliebten Schmetterlings. Berechtigt ist auch die Befürchtung, dass durch Übertragung der Killer-Gene auf andere Pflanzen Super-Unkräuter entstehen könnten, gegen die das Arsenal der Agrochemie machtlos ist. Auf jeden Fall ermöglicht die gentechnisch erzeugte Resistenz der Kulturpflanzen einen massiveren Einsatz drastischer Unkraut- und Insektenvernichter.

Im Gegensatz zu den ökologischen Gefahren ist der von Gentechnik-Kritikern befürchtete gesundheitliche Schaden für den Verbraucher wissenschaftlich kaum zu belegen. Zwar können mit den Genen prinzipiell auch Allergien erzeugende Eiweißstoffe übertragen werden. Beispielsweise riefen mit einem Gen der Paranuss manipulierte Sojabohnen im Experiment Paranuss-Allergien hervor. Durch eine konsequente Kennzeichnung könnten betroffene Allergiker vor Gen-Food jedoch genauso wirkungsvoll geschützt werden wie vor Ölmischungen in Kartoffelchips, Begleitstoffen in Medikamenten oder Milchprodukten in Kindernahrung - dazu müsste allerdings die Kennzeichnungspflicht international eingeführt werden. In den USA wurde ein Antrag hierzu erst Anfang November im Kongress eingebracht.

Der öffentliche Druck zwingt die Agro-Konzerne zum Handeln. Marktführer Monsanto, bei Kritikern längst "Monsatan" oder "Mutanto" genannt, hat gerade freiwillig auf die Anwendung der gewinnträchtigen "Terminator-Technologie" verzichtet, bei der aus Gen-Pflanzen keine vermehrungsfähigen Samen entstehen, so dass die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Die Pharma-Konzerne Novartis und Astra-Zeneca gaben am Donnerstag bekannt, sich von ihren angeschlagenen Agro-Divisionen zu trennen, um sie in einem Super-Konzern zusammenzufügen. Das neue Gebilde namens Syngenta AG soll die Nummer Eins im Bereich Pflanzenschutz und die Nummer drei beim Saatgut werden. Dagegen dürfte dann tatsächlich kein Kraut mehr gewachsen sein.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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