Politik : Das Öl soll unter der Erde bleiben

Ekuador will zugunsten des Urwaldes auf Förderung verzichten – wenn andere Staaten finanziell aushelfen

Michael Schmidt

Berlin - Ekuadors Präsident Rafael Correa hat der Welt einen Vorschlag zu machen: Die Öl exportierende Andenrepublik will, der Umwelt zuliebe, darauf verzichten, den kostbaren Rohstoff aus der Erde des Amazonas zu pumpen – wenn die internationale Gemeinschaft ihr im Gegenzug die Hälfte des zu erwartenden Gewinns in Höhe von fünf bis sechs Milliarden Dollar ersetzt. „Wir wollen die Abholzung des Waldes vermeiden, die Artenvielfalt erhalten und die Indio-Völker schützen“, erklärte der seit vier Wochen für das Projekt zuständige Repräsentant des Präsidenten, Francisco Carrión, am Montag auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. „Hauptziel ist es, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und den Klimawandel aufzuhalten.“

Das Ölfeld, um das es geht, liegt im Yasuní-Nationalpark im östlichsten Zipfel Ekuadors, mitten im Amazonas-Dschungel, in einem Gebiet mit einer großen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, wo es „auf jedem Hektar mehr Baumarten gibt als in den gesamten USA und Kanada zusammen“, wie Weltbank-Berater Carlos Larrea sagte. 1989 wurde der Nationalpark von der Unesco zum Biosphärenreservat erklärt.

Die Erschließung des nach den Namen der Indio-Stämme Ishpingo-Tambococha-Tiputini (kurz ITT) benannten Feldes würde die Urwaldidylle nachhaltig zerstören. Auf der anderen Seite kann es sich das Mitglied der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) nicht leisten, ganz auf die Einnahmen aus dem riesigen Ölvorkommen zu verzichten. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, jeder zweite Ekuadorianer lebt in Armut – während Untersuchungen zufolge fast eine Milliarde Barrel Rohöl und damit 20 Prozent der nationalen Reserven in dem in Rede stehenden Gebiet schlummern.

Ekuadors Vorschlag: Zahlt die internationale Gemeinschaft pro Jahr 350 Millionen Dollar, was die Hälfte der möglichen jährlichen Erträge bei der Förderung wären, so bleibt das Öl unter der Erde. Dafür, so rechnete Larrea am Montag vor, erspare sich die Welt 4,3 Milliarden Dollar – so viel würde es kosten, die durch das Öl verursachte Menge an CO2 wieder zu reduzieren. Präsident Correa denke an die Einrichtung eines international verwalteten Fonds, in den Regierungen, die Weltbank, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Privatleute einzahlen könnten. Die Mittel für den Fonds könnten aus unterschiedlichen Quellen stammen, beispielsweise aus Entschuldungsmaßnahmen, Spenden, der Zahlung für Umweltschäden sowie dem Verkauf von Zertifikaten über Kohlenstoffspeicherung und verhinderte Abholzung auf dem freiwilligen Markt. Von den Zinsen wolle man vor allem dreierlei finanzieren: den Einstieg in alternative regenerative Energien; die soziale Entwicklung – „Stichwort Ökotourismus“ – und Projekte zur Bewahrung des Nationalparks.

Zugleich wolle man die Wirtschaft des Landes neu gestalten. „Ekuador braucht ein anderes Entwicklungsmodell“, sagte Präsidentenberater Carrión. Erstens habe man einsehen müssen, dass 30 Jahre Ölexport dem Land kein nennenswertes Wirtschaftswachstum gebracht haben. Zweitens sei absehbar, das ihm in voraussichtlich 30 Jahren das Erdöl ausgehen werde. Das ITT-Projekt könne, sagt Carrión, der Einstieg in den Ausstieg der „extraktiven Erdölförder-Ökonomie“ sein.

Norwegen, Italien und Spanien haben bereits Unterstützung zugesagt. EU und sogar die Opec hätten sich bereits „begeistert“ gezeigt. In Deutschland habe er dieser Tage auch nur hochgereckte Daumen gesehen. Aber es gibt doch auch noch Zweifel: an den langfristigen Garantien zum Beispiel, an einer effektiven Kontrolle und der Einhaltung des Zugesagten, zum Beispiel auch über einen möglichen Regierungswechsel hinweg.

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