Politik : Das Paar, das sich nicht traut Von Ursula Weidenfeld

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Wahrscheinlich hat es noch keine Zeit in Deutschland gegeben, in der so viel über Kinder gesprochen, gedacht, geschrieben und entschieden worden ist wie heute: Wegen des Armutsrisikos junger Familien wurden Kindergeld und Erziehungsunterstützung ausgeweitet. Wegen der Ergebnisse der PisaStudie werden Kindergärten und Schulen auf Vordermann gebracht. Wegen des Karriererisikos junger Frauen werden Ganztagsbetreuung und Kinderkrippen ausgebaut. So viele Kinderbücher und Erziehungsratgeber wie heute wurden noch nie gekauft.

Ein riesiger Aufwand, aber für wen? Nie hat sich die deutsche Gesellschaft so selbstbewusst und so entschieden vom Kind abgewandt wie heute. Jeder vierte Mann zwischen 20 und 40 Jahren möchte nicht mehr Vater, jede siebte Frau im gleichen Alter nicht mehr Mutter werden. Das hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ermittelt. Die meisten Kinderverneiner fürchten sich nicht vor Verarmung oder einem Leben ohne ordentliche Karriere. Sie glauben, nicht den richtigen Partner für eine Familiengründung gefunden zu haben.

War also alle familienpolitische Anstrengung der letzten Jahre für die Katz? Wahrscheinlich nicht. Eine vernünftige Kinder- und Familienpolitik ist unverzichtbar. Und dennoch war das, was unter dieser Flagge betrieben wurde, vermutlich falsch. Wer sich jahrzehntelang darüber unterhält, dass Kinder ein Problem sind, das sozialpolitisch gelöst werden muss, der findet irgendwann kein Argument für Kinder mehr. Wer aufgefordert wird, sich aus Verantwortung gegenüber dem Rentensystem gefälligst zu reproduzieren, verweigert sich. Und wer jahrelang darüber nachgedacht hat, ob und wie Kinder das berufliche Weiterkommen verhindern könnten, hat vermutlich irgendwann so viele Kopfgeburten hinter sich, dass eine echte nicht mehr infrage kommt.

Solange junge Erwachsene nicht überzeugt sind, dass Kinder Spaß machen, dass das Leben mit ihnen anstrengender, aber sicher auch schöner wird, werden sie keine bekommen. Aus Staatsräson zahlt man Steuern und Sozialabgaben. Aber man lässt sich nicht in eine Lebensform drängen, die so anspruchsvoll erscheint, dass man ohne den perfekten Partner an ihr scheitern muss.

In der Kernphysik redet man von einer kritischen Masse, die nötig ist, um eine atomare Kettenreaktion auszulösen. Übertragen auf die deutsche Gesellschaft stellt sich die Frage, ob es hier eine kritische Masse für eine Kinder-Kettenreaktion noch gibt. Die klassischen stadtnahen Dörfer in Westdeutschland, ein paar Vorstädte, oder Stadtviertel wie Berlins Prenzlauer Berg zeigen, wie es gehen kann: Da, wo viele Kinder sind, ziehen Menschen hin, die auch Kinder wollen. Da, wo viele Eltern mit Kindern wohnen, wird das Leben mit Kindern unproblematischer: Weil es Nachbarn gibt, die aufpassen – und bei Lärm auch mal weghören. Weil Kindergärten und Schulen um die Ecke liegen, weil die Kinder-Infrastruktur stimmt. In diesen Gebieten ist es unaufwändiger und selbstverständlicher, Kinder zu haben. Erfolgreiche Wirtschaftsförderung wird inzwischen genau so betrieben: Man guckt, wo die Stärken einzelner Wirtschaftsgebiete sind und fördert sie gezielt. Davon kann die Familienpolitik lernen. Gegen die Furcht, nicht den richtigen Partner zu haben, kann der Staat wenig tun. Aber er kann etwas tun, um Kinder aus der Problemecke zu holen. Denjenigen, die sich jetzt gegen Kinder entscheiden, wäre damit geholfen.

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