• Das Politiktheater gibt eine Schurkenkomödie. Aber warum lacht eigentlich niemand? (Kommentar)

Politik : Das Politiktheater gibt eine Schurkenkomödie. Aber warum lacht eigentlich niemand? (Kommentar)

Stefan Reinecke

Der Minister galt stets als korrekt - vom Scheitel bis zur Sohle. Sein Auftritt war schneidig, seine Ansichten gusseisern: keine Gnade für Ladendiebe, ausländische Kriminelle raus, mehr Macht für die Polizei. Eine preußische Erscheinung. Streitbar und respektabel. Das fanden sogar seine Gegner.

Jetzt ist der schneidige Manfred Kanther nicht mehr zu sprechen. Abgetaucht. Er hat dafür gesorgt, dass die hessische CDU jahrelang mit schwarzem Geld versorgt wurde. Womöglich stammte dieses Geld aus dem Flick-Skandal. Das war kein Versehen, keine Nachlässigkeit, kein Fehler, sondern ein exakt geplanter Gesetzesverstoß, begangen in glasklarem Bewußtsein. Und dann erfand die hesssische CDU noch tote reiche Juden, die der Partei ihr Geld vererbt hätten. Legal, illegal, scheißegal.

Als die Sache publik wurde, setzte sich der Ex-Minister vor die TV-Kameras, erzählte mit angemessen zerknirschter Miene, was geschehen war (natürlich nicht alles), und war bitter enttäuscht, dass ihm nun nicht alle freundlich auf die Schulter klopften und seinen Mut bestaunten. Der Ex-Minister ist beleidigt. Er ist das Opfer einer "Treibjagd" (Kanther) geworden. Kanther verhält sich wie ein ertappter Gauner, der knapp gesteht - und dann beginnt, die Polizei und die ganze Gesellschaft in aller Ausführlichkeit zu beschimpfen. Natürlich, die anderen sind schuld, vor allem die Presse!

Die CDU-Spendenaffäre ist, für die Beteiligten, ein üble Sache. Aber ist eine Figur wie Kanther nicht auch ein bisschen lustig? Jemand, der seine Law-and-order-Gesinnung wie ein Plakat vor sich her getragen hat und dem insgeheim Law and Order herzlich wurscht waren. Der Sheriff als Gangster. Ist nicht auch der hessische CDU-Kultusminister Christean Wagner eine komische Erscheinung? Wagner verteidigte den Ex-Minister mit dem hübschen Argument, Kanther habe doch "niemandem geschadet." Und wiederholte damit wörtlich die Standardausrede erwischter Stasi-IMs. Ausreden, die alles noch schlimmer machen, ein Ex-Kanzler, der dickfellig schweigt, seine Nachfolger, die stotternd von einer Verlegenheit in die nächste stolpern. Ist das nicht der Stoff, aus dem die Komödien sind? Eigentlich schon. Kanther wäre der perfekte Tartuffe. Aber niemand in Deutschland lacht. Keine Schadenfreude, nirgends. Wer, wenn nicht der bigotte Herr Kanther, hätte Schadenfreude verdient?

Hierzulande scheint es zwei Reaktionsmuster auf das CDU-Drama zu geben. In den oberen Etagen herrscht ein Anflug von Staatstrauer. Manche Kommentare der "Frankfurter Allgemeinen" verbreiten Untergangsstimmung und bestätigen Hans Magnus Enzensbergers Erkenntnis, dass die FAZ "die einzige deutsche Zeitung ist, die die Kunst des Händeringens wirklich beherrscht". Sogar die "Bild-Zeitung" sieht "die deutsche Demokratie" in Gefahr. Unten, im Volk, ist man erwartungsmäß eher der traditionellen Ansicht, dass Politiker Schurken sind und dass man dies eigentlich schon immer gewusst hat.

Eigentlich sind die Deutschen, so die erleichterte Analyse vieler kluger Köpfe, in 50 Jahren Bundesrepubik zu einer ironischen Nation geworden. Das Teutonische, die Neigung zum Fundamentalistischen, ist langsam in der Pop- und Spaßkultur verdampft. Ironie setzt Selbstdistanz voraus. Sie löst festgezurrte Weltbilder auf und ermöglicht einen verspielten Umgang mit Identitäten. Dass Deutschland endgültig im Westen angekommen ist, zeigt nicht zuletzt unsere Fähigkeit, selbstironisch zu sein.

Umso merkwürdiger ist, dass man hierzulande mit bleiernem Ernst auf das CDU-Spektakel schaut, das doch auch einigen Unterhaltungswert hat. Kann es sein, dass die bundesdeutsche Ironie nur für schönes Wetter taugt? Dass man damit seinen Alltag möbliert, um ein bißchen Spass zu haben, wenn sonst gerade nichts Wichtiges passiert? Wenn es aber ernst wird, verflüchtigt sich jede die Ironie. Der Staat ist in Gefahr? Also bitte Schluss mit lustig.

Dabei ist Schadenfreude durchaus ein demokratie-kompatibles Gefühl. Sie meint einzelne Figuren, die sich, wie Kanther und Kohl, besonders heftig blamiert haben. Das trennt die Schadenfreude von der Wut, die meist generell "denen da oben" gilt undschnell in Hass auf "das System" umschlägt. Schadenfreude trifft genau, sie fußt auf jenem Unterscheidungsvermögen, das der kollektiven Wut fehlt.

Und schließlich weiß jeder, der schon mal im Theater war, dass es ohne Lachen meist keine Erlösung gibt. Wo man sich nicht zu lachen traut, ist kein gutes Ende in Sicht. Oder, mit Lessings Minna von Barnhelm gesagt: "Lieber Major, das Lachen hält uns vernünftiger als der Verdruss."

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