Das politische Buch 2011 : Schäuble hält Laudatio für Steinbrück

Ein Hauch von große Koalition: Am Dienstagabend wurde Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) für sein Buch "Unterm Strich" ausgezeichnet. Laudator war Wolfgang Schäuble (CDU). Doch nicht das Buch war Gesprächsthema Nummer eins.

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Damals und heute. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (rechts) mit dem Amtsinhaber Wolfgang Schäuble.
Damals und heute. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (rechts) mit dem Amtsinhaber Wolfgang Schäuble.Foto: dpa

Es kommt nicht allzu oft vor, dass Menschen Schlange stehen für den Auftritt eines SPD-Bundestagsabgeordneten. Wenn dieser Abgeordnete Peer Steinbrück heißt und seit Wochen als Kanzlerkandidat gehandelt wird, dann kann es allerdings passieren, dass 500 Plätze nicht ausreichen und weitere Zuhörer mit einer Videoübertragung der Veranstaltung vorlieb nehmen müssen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat jedenfalls keinen Grund zur Klage über mangelnden Zulauf, zumindest nicht an diesem Dienstagabend, an dem sie Steinbrück mit dem Preis "Das Politische Buch" des Jahres 2011auszeichnet. Der frühere Finanzminister der großen Koalition bekommt ihn für sein Werk "Unterm Strich". Die Laudatio hält sein Nachfolger Wolfgang Schäuble (CDU).

Steinbrück und Schäuble. Zwei politische Hochkaräter, in ihren jeweiligen Parteien nicht von allen geliebt, aber von den meisten hoch geachtet. Allein diese Kombination würde ausreichen für einen außergewöhnlichen politischen Abend, Spekulationen über eine Neuauflage der großen Koalition inklusive. So richtig unterhaltsam aber wird es, weil weder Schäuble noch Steinbrück noch Stiftungschef Peter Struck die Kanzlerkandidatenfrage aussparen.

Struck hat das erste Wort. "Unterm Strich" klinge zwar nach "abschließender Bilanz", sagt der Ex-SPD-Fraktionschef an die Adresse des "lieben Peer". Er sei sich aber ganz sicher: "Das war noch nicht die Endsumme deines politischen Wirkens! Wo und an welcher Stelle auch immer: Du hast meinen Segen!"

Bei Schäuble klingen die Anspielungen naturgemäß weniger nach Wahlempfehlung. Der Badener ist ein geübter, von manchen auch gefürchteter Spötter. Jetzt hält er die Festrede auf einen, dessen Form von Humor ebenfalls nicht jeder zum Lachen findet.

Die Schweizer zum Beispiel waren gar nicht erfreut, als ihnen der Minister Steinbrück seinerzeit androhte, wegen ihres laxen Umgangs mit Steuerflüchtlingen "die Kavallerie" zu schicken. Viele Gespräche habe er führen müssen, um die Eidgenossen zu beruhigen, sagt Schäuble. Dann spricht er über die Finanzkrise und Europa, bis er sich sich schließlich der Kandidatenfrage nähert. "Wer Sie kennt, kann an Ihrer Mimik schon lesen, wie sehr Sie genießen, was da spekuliert wird", frotzelt Schäuble. Schon Cicero habe gewusst: "Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich anstreben, muss man sich in Acht nehmen." Die Union jedenfalls sei wachsam und auf der Hut. "Und ansonsten herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis!"

Steinbrück hat das letzte Wort, er spricht am Längsten, und gleich zu Beginn präsentiert er sein Witz zur K-Frage. Er habe drei Kinder gezeugt, ein Haus renoviert und einen Baum gepflanzt. Deshalb werde er sein "künftiges Leben" nun in Ruhe verbringen. Kunstpause, Gelächter im Publikum. Steinbrück: Das Gelächter habe er eingeplant, es dürfe von jedermann frei interpretiert werden. Was dann folgt, ist ein typischer Steinbrück-Vortrag, eine Art Weckrufrede. Demographischer Wandel, Krise Europas, Krise der Parteiendemokratie, Zukunft des Sozialstaats. Alle müssen sich mehr anstrengen und Politiker müssen das auch offen sagen. Am Ende gibt er noch ein Kostprobe steinbrückschen Humors. Wer in keinem Punkt mit ihm übereinstimme, solle sich das Buch des Philosophen Richard David Precht kaufen: "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?"

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