Politik : Das politische Feld wird bestellt. Albaner und Serben formieren sich neu

Stefan May

Bujar Bukoshi geht alles zu langsam: "Mehr als 100 Tage seit dem Krieg sind vorbei, und man muss mit Bedauern feststellen, dass die Zeit verflossen ist, ohne dass eine Legislative geschaffen wurde, oder eine Verwaltungsstruktur oder eine Straßenverkehrsregelung." Bukoshi ist Ministerpräsident des Kosovo. Zumindest seine Partei, die Liberaldemokraten von Ibrahim Rugova, dem vor dem Krieg gewählten Kosovo-Präsidenten, bezeichnet ihn so. Doch Hashim Thaci, der Führer des politischen Arms der früheren Befreiungsarmee UCK, beansprucht diesen Titel ebenfalls für sich. Bukoshi gibt "Probleme untereinander" zu und auch, dass die "Uneinigkeit schädlich" sei.

Ist es an der Zeit, durch Wahlen Klarheit zu schaffen? "Je eher, desto besser", sagt Rugova, das Frühjahr nächsten Jahres werde angestrebt. Doch vorher müssen die Bewohner des Kosovo registriert werden. Die Administration sei kein Problem, meint Rugova. Für die derzeitige zivile Verwaltung, die UNMIK (United Nations Mission in Kosovo), ist das aber sehr wohl ein Problem, besonders im nahenden Winter, wenn die Dörfer in den Bergen kaum mehr erreicht werden können. "Die Register der Serben sind noch zu 60 Prozent vorhanden, aber völlig durcheinander", sagt der politische Berater der UNMIK, Jan Kickert. "Zudem ließen die Albaner ihre Kinder nicht registrieren." Kickert hält Lokalwahlen im Juli 2000 und Gesamtwahlen im Kosovo im September kommenden Jahres für realisitischer.

In den letzten Tagen haben sich offiziell die Parteien des Kosovo registrieren lassen: Neben den gemäßigten Liberal-Demokraten (LDK) von Rugova sind es die aus der UCK hervorgegangene Partei des demokratischen Fortschritts (PBDK), und eine weitere Zwei-Parteien-Koalition. Diese drei politischen Gruppierungen haben im Frühjahr in Rambouillet mitverhandelt. Weiter treten auf der politischen Bühne des Kosovo die Christdemokraten und die Sozialdemokraten mit jeweils einem Flügel pro und contra LDK auf, außerdem "eineinhalb" liberale Parteien, wie es Jan Kickert ausdrückt, die bosniakische SDA, serbische Parteien mit Belgrader Wurzeln, mit denen die UNMIK allerdings nicht spricht, und die erst am 18. Oktober gegründete kosovoserbische Partei.

In einer kürzlich durchgeführten Gallup-Umfrage wurde ermittelt, welche politische Kraft die Kosovaren für die rechtmäßige Regierung halten: 41,3 Prozent sprachen sich für die UNMIK aus, 29,5 Prozent für Hashim Thaci und 8,3 Prozent für Bujar Bukoshi. Nach den Wahlen soll die Macht rasch an die Kosovaren übergehen, verlangt Bukoshi: "Je schneller, desto besser für die UN-Mission." Das bestehende Vakuum könne nicht verlängert werden. Das Ziel seiner Partei sei weiterhin die Unabhängigkeit, "aber darüber will ich jetzt nicht diskutieren, wir haben es nicht eilig damit" . Was man aber sofort brauche, sei Selbstständigkeit. "Gebt sie den Albanern, und wir werden die Sicherheit im Land garantieren", sagt Bukoshi. "Keine KFOR kann die Serben besser schützen als die Albaner selbst." Wenn etwa ein Deutscher und ein Bangladeshi als von der UNMIK gebildete Kosovo-Polizei abends auf Streife gingen, wäre es doch besser, wenn sie von einem Kosovo-Albaner begleitet würden, meint Bukoshi. Doch die einheimische Polizei ist noch im Aufbau. Vor wenigen Tagen hat der erste Absolvent der neuen Polizeiakademie sein Diplom erhalten. 173 Kosovaren stehen in Ausbildung.

Gleichzeitig müsse es aber die Garantie geben, dass das Kosovo nie mehr unter serbische Führung gelange, verlangt Bukoshi. Die Sache sei ohnedies schon gelaufen: "Manche westlichen Politiker sollen endlich einsehen, dass es das nicht mehr gibt. Jugoslawien ist eine Chimäre. Hier geschah ein Völkermord. Serbien hat keine Macht und kein Recht mehr, hier eine Verwaltung auszuüben." Solches wäre politisch dumm und illusorisch.

Seitens der UNMIK gibt Berater Kickert zu, dass die Segregation der albanischen Mehrheit und serbischen Minderheit praktisch im Gang sei, wenngleich das Kosovo nie administrativ geteilt werde. Rugova betont dazu: "Wir sind eine multiethische Gesellschaft. Wie in jedem Land gibt es eine Mehrheit und eine Minderheit, hier sind es die 100 000 Serben. Es ist möglich, dass wir alle, also auch die Türken und die Bosniaken, in diesem Land zusammenleben, aber es braucht Zeit."

Auch Bujar Bukoshi lädt die Kosovo-Serben, "die mit Völkermord nichts zu tun haben", ein, sich zu organisieren und zu konstituieren. Die Bürger sollten endlich selbst über ihr Land entscheiden können, fordert Bukoshi. Dass KFOR und UNMIK auch über die Wahlen hinaus bleiben, akzeptiere er. Es gehe um die Sicherheit, da müsse besonders das Militär präsent sein. Auch eine Verlängerung des UNMIK-Mandats über drei Jahre hinaus lehne er nicht ab. Und obwohl mit der Waffenabgabe der UCK und der Bukoshi zugeordneten FARK am 29. September "die Zeiten der Kalaschnikows vorbei" seien und beide Milizen "ihre Rolle ausgespielt" hätten, brauche das Kosovo eine militärische Struktur, denn die KFOR werde einmal nach Hause gehen.

Deutlicher drückt es ein hochrangiger UCK-Führer aus, der erklärt, es sei völlig klar, dass das jetzt aus der UCK zu bildende Schutzkorps, die TMK, "selbstverständlich einmal die Armee des Kosovo" werde. Rugova gibt ebenfalls zu, dass man die UNMIK noch einige Monate nach den Wahlen brauchen werde, "reduziert vielleicht", die KFOR aus Gründen der Sicherheit aber noch länger im Kosovo bleiben müsse, "vielleicht für immer, später einmal als Nato-Teil in unserem Land? Wir sind ja in Europa".

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