Politik : "Das Recht auf Weiblichkeit": Tiefe Schnitte in die Seele

Dorothea Heintze

Es sollte ein Festtag werden, die Schwestern zogen ihre schönsten Kleider an, die Nachbarn kamen und brachten Süßigkeiten, die Mutter hatte eine Ziege schlachten lassen. Sogar ein Auto war für die Fahrt in die Stadt gemietet worden. Doch was dann kam, war kein Fest, sondern ein Albtraum, der Amina Hussein von nun an ihr Leben lang begleiten sollte.

Sieben Jahre war sie alt, als sie zusammen mit ihren beiden jüngeren Schwestern zum Beschneider in die somalische Hauptstadt fuhren. Brutal wird die "Operation" mit einer rostigen Schere durchgeführt, tagelang liegen die Mädchen anschließend mit zusammengebundenen Beinen auf dem Boden, wie Feuer brennen die Wunden. Alle drei Mädchen leiden jahrelang unter großen Schmerzen beim Menstruieren, unter Verwachsungen und Fisteln.

Wie können Eltern, wie kann eine Mutter dies ihren Töchtern antun? Wie können sie, die einst ebenfalls Opfer dieses brutalen Ritus waren, nun selbst ihre Töchter zum Beschneiden schicken?

Wer den Sammelband der Journalistin Conny Hermann in die Hand nimmt, dem wird klar, dass dies sinnlose Fragen sind. Weder die Mütter noch die meist weiblichen Beschneiderinnen sind Bestien. Sie lieben ihre Töchter, sie wissen, dass diese auf dem Heiratsmarkt keine Chance haben, wenn sie unbeschnitten sind. Seit Jahrhunderten steht fest: Eine intakte Vagina ist "schmutzig", Schamlippen und Klitoris sind "dreckige, männliche Dinger, die weg mussten, damit ich zu einer richtigen Frau wurde", wie sich Amina Hussein erinnert.

Unwissenheit ist denn auch der wahre Täter, der in diesem Buch enthüllt wird. Unwissenheit darüber, was die Beschneidung an gesundheitlichen Folgen mit sich bringt. Doch Conny Hermann stellt mehrere Initiativen vor, die in Somalia, im Senegal, in Guinea, Burkina Faso oder Mali, Hebammen, Ärzte und Beschneiderinnen aufklären.

Über 130 Millionen Frauen werden heute beschnitten, Tag für Tag 6000 in 28 Ländern Afrikas - und in westlichen Industrieländern, auch in Deutschland. Erst 1997 hatte die Bundesregierung erklärt, dass die Genitalverstümmelung die Menschenrechte verletze und nicht als ein kulturelles Problem fremder Völker verharmlost werden dürfe. Ein Asylgrund allerdings ist drohende Beschneidung nicht.

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