Politik : Das Recht der toten Väter

Angelika Dietrich

Zwei Männer fordern Wiedergutmachung. Verharmlosen sie damit das Leid der Holocaust-Opfer? Eine ReportageAngelika Dietrich

Mutter Pech hat ihre Vergangenheit in eine Kiste gepackt. Und sie vor den Kindern verborgen. Vater Sperl hat seine Vergangenheit im Testament verewigt. Und sie an die Kinder weitergegeben. Jetzt ist es an den Söhnen Karlheinz Pech und Friedrich Sperl zu entscheiden, was sie mit der Vergangenheit machen. "Geld" sagt der eine. "Recht" sagt der andere.

Karlheinz Pech und Friedrich Sperl sind Sudetendeutsche. Die Vergangenheit, die sie in der Kiste wie im Testament vorgefunden haben, besteht aus Papieren, Briefen und Nummern von Lebensversicherungen, die ihre Väter einst abgeschlossen haben, die nie oder nur zum Teil ausbezahlt wurden. Die Landsmannschaftspresse rief ihre Leser auf, nach alten Versicherungspolicen zu suchen, jetzt strebt die Organisation eine Sammelklage an. Sie orientiert sich dabei an den Sammelklagen, die NS-Opfer in den vergangenen Jahren bei US-Gerichten eingereicht hatten. Wegen Raubes von Gold und der Unterschlagung von Versicherungspolicen; die Versicherungen hatten sich geweigert zu zahlen, wenn der Antragsteller keinen Totenschein vorweisen konnte. Die Sudetendeutschen sehen Parallelen zu dem, was ihnen widerfahren ist. Und hier beginnt die Gratwanderung. Dürfen sich Sudetendeutsche in eine Reihe mit Holocaust-Opfern stellen? Ist die kollektive Vernichtung eines Volkes nicht anders zu bewerten als die Vertreibung von Menschen, von denen viele für Hitler-Deutschland gekämpft haben?

"Für mich ist das kein Unterschied, ob ein Tscheche einen Deutschen ermordet oder ein Deutscher einen Juden", sagt Karlheinz Pech. Der 59-Jährige sitzt am Kopfende eines Bauerntisches in seinem Reihenhaus in Zorneding bei München, vor sich Aufzeichnungen, "das Buch", wie er sagt, das er über seine Familie geschrieben hat. Die "Chronik der Familie Pech" beginnt am 9. Mai 1945. "Die Ermordung meines Vaters im Wald von Chroustov" heißt das Kapitel, aus dem Pech vorliest.

Es erzählt, wie in dem tschechischen Ort Chroustov (Oberprausnitz) der "tschechische Mob und der russische Pöbel" in die Büroräume der Pechschen Textilfabrik eindrangen, den Vater mitnahmen; wie italienische Soldaten, die als Kriegsgefangene in der Pechschen Weberei arbeiteten, die Mutter und die zwei Söhne warnten, sie versteckten und ihnen schließlich die Flucht ermöglichten: zuerst nach Trautenau (Trutnov). Dreißig Kilometer und fünf Bäche in drei Nächten. Von dort aus weiter nach Zwittau, dann nach Eichstätt.

Es erzählt, wie der Vater, der, bemerkt der Sohn, aus der Chronik aufschauend, "wie jeder stramme Deutsche an der Front gekämpft hatte", am 9. Mai auf einen Lastwagen geworfen und in einen Wald gebracht wurde. Wie der Vater mit den Händen sein Grab ausheben musste, wie ihn die Tschechen an einen Baum banden, ihm die Augen ausstachen, die Zunge abschnitten, ihn dann erschossen.

Das alles weiß Pech erst seit ein paar Jahren. Als die Fabrikantenfamilie Pech aus dem Riesengebirge fliehen musste, war der Junge sechs. Eingeprägt hat sich ihm nur, wie in Zwittau ein Tscheche seine Großmutter vergewaltigen wollte, wie ein Schuss fiel und der Vergewaltiger tot war. Ein Russe hatte ihn erschossen.

Nie sprach seine Mutter über die Ereignisse des Jahres 1945. Im bayerischen Kipfenberg begann ein neues Leben. Briefe und Versicherungspolicen packte sie in eine Kiste. Die Vergangenheit war weggesperrt. Vermutlich hätte Karlheinz Pech sie auch nicht wieder ausgekramt. Jahrzehntelang hatte er die Polemik und Ansprüche der Vertriebenenverbände ignoriert. Wie Berufsflüchtlinge erschienen die ihm. Er hätte sie nicht wieder ausgekramt, wäre da nicht ein Anruf gekommen und wäre er nicht schon längst in Rente gewesen. Friedrich Sperl, der in einem kleinen österreichischen Ort nahe der ungarischen Grenze lebt, an diesem Tag aber bei seiner Schwester in Wien zu Besuch ist, Herr Sperl ist auch Rentner. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, schließlich will er die Versicherungen nicht frühzeitig auf seine Spur bringen, sagt er.

Kommerzialrat Sperl ist ein zurückhaltender Herr, nicht so laut und bestimmend wie der Betriebswirt und Bundeswehroberst der Reserve Pech. All das, was Herr Sperl erzählt, hat er bewusst erlebt, nicht nachrecherchiert wie Herr Pech. Vielleicht ist er deshalb ein bisschen reserviert, gerade was das Persönliche, die Details angeht.

Wenn Herr Sperl vom 24. Mai 1945 erzählt, dem Tag der Vertreibung der Deutschen aus dem südmährischen Frain an der Thaya, streut er Fakten aus der Geschichte ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich die Sperls bei der Tante versteckt aus Angst vor den Russen. Wer aber kam, waren tschechische Partisanen. "Aus dem Nichts kamen sie", sagt Sperl, überall wehten ihre Fahnen. Die Kommandantur der Tschechen quartierte sich in einem der beiden Hotels der Familie ein, die Partisanen durchsuchten die Häuser, nahmen den Menschen Waffen und Radios ab. Männer, die NS-Funktionen hatten, wurden verhaftet und nach Znaim transportiert, "der Heuer hat sich mit der Hutschnur aufgehängt", sagt Sperl. Seine Schwester nickt.

Am 24. Mai trieben die Tschechen die Deutschen auf den Marktplatz. Ein Herr Giselak stellte sich an die Pestsäule und brüllte, alle Deutschen sollten Frain innerhalb von 24 Stunden verlassen. Was sich der Schwester ins Gedächtnis eingegraben hat, ist der Satz: "Wer morgen noch angetroffen wird, wird erhängt." 25 Kilo Gepäck pro Person waren erlaubt, keine Wertsachen.

Dass sie nicht zurückkommen würden, glaubte niemand in der Familie, die nach Österreich floh. Friedrich Sperl war 14 und zu alt, um die Vertreibung zu vergessen. Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Zeit in Südmähren, sammelte Ansichtskarten, Aufsätze, Fotos, traf jedes Jahr Freunde von früher. Zuletzt vor wenigen Wochen. Irma, das Kindermädchen, ist jetzt 90 und im Altenheim, erzählt er seiner Schwester.

Eines Tages, es muss vor dreieinhalb, vier Jahren gewesen sein, rief bei Karlheinz Pech eine Frau Kaiser aus Moosach bei München an und stellte sich als ehemalige Arbeiterin seines Vaters vor. Nach dem Telefonat hatte Herr Pech ein neues Hobby: die Erforschung der Familie Pech. Dies betrieb er, wie das mit neuen Hobbys oft ist, recht intensiv. Fuhr ins Heimatdorf, fotografierte und recherchierte, reiste ins Riesengebirgsmuseum in Marktoberdorf und kramte die Unterlagen aus der Kiste hervor und damit die Briefwechsel seiner Mutter: die vom Suchdienst des Roten Kreuzes, die amtliche Todeserklärung des Vaters, die Briefe an die Versicherungen, bei denen sie die Auszahlung der Lebensversicherungen forderte, Antwortbriefe, in denen es heißt: "Eine Leistung . . . ist nicht fällig geworden, da der Tod des Versicherten nicht durch einen Unfall im Sinn der Bedingungen, sondern durch die Kriegsereignisse verursacht wurde." Ein halbes Dutzend Lebensversicherungen mindestens hatte der Vater. Zwei wurden ausbezahlt, abzüglich sechs Prozent Kriegsumlage. "Aber das ist vom Wert der Versicherungen meilenweit entfernt", sagt der Sohn.

Er schrieb neue Briefe, forschte, ob einzelne Versicherungsverträge noch existierten, wurde weiterverwiesen. Erfuhr bei seinen Recherchen, dass der Pechsche Familienbesitz 1968 auf 7,5 Millionen Mark geschätzt wurde. "Ich wusste ja nicht, was wir für ein Vermögen hatten!" Langsam, sagt er, fange er an, sich zu ärgern. Die Sudetendeutschen hätten enorme Werte zurückgelassen, da müsse man doch entschädigt werden. "Jeder Ausländer kriegt heute Geld", sagt Pech. Nicht dass es ihm schlecht ginge, aber er erhofft sich jetzt "so viel Geld wie möglich. Das ist doch klar."

Auch Kommerzialrat Sperl betreibt intensivere Nachforschungen, seit er in Rente ist. Schreibt eine Dokumentation über den 1800-Einwohner-Ort Frain, raucht, sagt: "Man wird mit zunehmendem Alter immer vergangenheitsbewusster." Vier Lebensversicherungen besaß sein Vater, zwei davon bei der Assicurazione Generali. Um Kapital für den neuen Anfang zu haben, versuchte Vater Sperl 1947/48, die Versicherungen zurückzukaufen, wandte sich ein paar Mal an die österreichische Nationalbank und das Finanzminsterium. Dann ließ er es sein. Vorübergehend. Im Testament fand der Sohn genaue Aufzeichnungen über das konfiszierte Vermögen und rund 15 Sparbücher.

Irgendwo hatte der Sohn einen Aufruf einer jüdischen Organisation gelesen, dass sich melden solle, wer Versicherungsverträge mit der Assicurazioni Generali abgeschlossen habe. Auch in einer sudetendeutschen Zeitung las er das. Herr Sperl schrieb nach Triest. Dachte, "ein Vertrag ist ein Vertrag. Jenseits aller Politik. Und die Anstalt ist verpflichtet, den Vertrag einzuhalten."

Die Assicurazione schickte Sperl einen Fragebogen, den füllte er aus. Im März erhielt er noch einmal einen Brief. Einen, der für ihn sehr wertvoll ist: Schwarz auf weiß bestätigt ihm die Versicherung, dass die Policen seines Vaters tatsächlich existieren und dass die Beiträge regelmäßig bis 1945 einbezahlt wurden. Die Assicurazione schickte Kopien der Originalpolicen. Dieser Beweis ist umso wichtiger, als die Versicherung wohl den Standpunkt vertritt, dass sie nichts ausbezahlen müsse, weil sie selbst in Tschechien enteignet worden sei.

Am Ende der beiden Briefe steht fett gedruckt eine Adresse, an die sich Herr Sperl wenden sollte: der Internationale Holocaust-Fonds in Jerusalem. Was er gedacht hat, als er diese Antwort bekam? Herr Sperl sagt: "Ich bin kein Holocaust-Opfer, also sind die für mich nicht zuständig." Aber er habe gedacht, wenn es so etwas für Holocaust-Opfer gibt, müsste es das auch für die Vertriebenen geben. Schließlich sei ein Vertrag ein Vertrag. Warum hier mit zweierlei Maß gemessen werde? Es gehe ihm ums Recht, das Geld sei ein angenehmer Nebeneffekt.

Im Salon von Herrn Sperls Schwester wird es laut, als die Rede auf die Juden und den Holocaust kommt. Das Gespräch nimmt eine Richtung, die Herrn Sperl nicht passt. Es fallen Zitate wie "Immer müssen die erst vormachen, was wir auch fordern können", auch: "Was Juden geschehen ist, ist nicht vergleichbar."

Unerträglich, sagt Michel Friedman vom Zentralrat der Juden, finde er, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft - bei der weder Herr Sperl noch Herr Pech Mitglied sind - das Schicksal der Sudetendeutschen mit dem Schicksal der Juden vergleichen. Was die Sammelklage betrifft, da gehe er "nicht in die Einzelfallanalyse," sagt Friedman. "Mag sein, dass Einzelne Policeansprüche haben, dann sollen sie das anmelden." Aber der Anspruch der Vertriebenen, ihre Opferrolle mit dem zu vergleichen, was den Juden widerfahren ist, sei unmöglich.

Es scheint, als leide Herr Sperl darunter, dass das Schicksal der Sudetendeutschen und der Vertriebenen nie getrennt vom Schicksal der Juden betrachtet werden kann. Vielleicht ist das der Grund, warum Herr Pech und Herr Sperl die Erinnerung an die Vertreibung selbst in die Hand genommen haben: warum sie die Ereignisse niederschreiben, warum Herr Pech vergangenen Herbst auf dem Friedhof von Oberprausnitz am Grab des Pfarrers und Heimatforschers Kuhn einen schwarzen Stein aufstellen ließ, der die Namen der ermordeten Oberprausnitzer trägt. Sie wollen mahnen. Und Genugtuung: Geld oder Recht.
© 1999

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