Politik : Das Recht zu schweigen

OUTING UND SKANDALE

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Von Harald Martenstein

Wenn man in diesen Wochen die Zeitung liest, kann man den Eindruck gewinnen: Wir leben in Sodom und Gomorrha. Rauschgift, Sex und Erpressung, wohin man schaut. Aber das ist eine optische Täuschung. Es gibt in Deutschland wahrscheinlich immer noch mehr Kleingärtner als gewohnheitsmäßige Orgienteilnehmer. Das Verhalten der Menschen hat sich in den letzten Jahren gewandelt, das stimmt, aber noch viel stärker hat sich die Berichterstattung verändert. Wir erfahren einfach mehr.

Nach dem ZwangsOuting des Hamburger Bürgermeisters scheint sich herauszustellen, dass sogar in der Anhängerschaft einer christlichen Partei kaum noch Aversionen gegen Homosexuelle bestehen. Der Papst ist zwar anderer Ansicht – aber für die meisten Leute ist es kein Problem mehr, oder zumindest fast keines. Wenn man die heutige Liberalität mit der Lage vor dreißig oder vierzig Jahren vergleicht, stellt man fest: Es ist eine Kulturrevolution. Und es betrifft nicht nur Schwule, sondern das vom Durchschnitt abweichende Verhalten insgesamt. Das wohlinformierte Publikum ist relativ duldsam. Niemand, der anders ist als die Mehrheit, muss mehr lügen – nein, dieser Satz ist zu optimistisch, ganz so weit sind wir noch nicht. Aber es geht in diese Richtung.

Allerdings besitzt sogar eine so wunderbare Sache wie die Freiheit eine Nachtseite. Die Freiheit kann zum Zwang werden. Sie kann einen terroristischen Zug bekommen. Niemand weiß das besser als die Angehörigen der 68er-Generation, in deren radikalsten Wohngemeinschaften man seine Orgasmusprobleme offen legen musste und die Klotüren abmontiert waren.

Das öffentliche Leben darf sich nicht den unmenschlichen Spielregeln der Kommune 1 unterwerfen. Deswegen darf es keinen Zwang zur Offenlegung des Intimlebens geben. Ob ein Politiker oder ein anderer Prominenter sich outet, ob er über sein Liebesleben spricht oder Reporter in seine Wohnung einlädt, muss seine oder ihre Entscheidung bleiben, für die es hundert legitime Gründe geben kann. Das Gleiche gilt für eine befreite Geisel, die über das Erlittene mit der Presse nicht reden will. Denn wir sind frei. Dazu gehört auch die Freiheit, zu schweigen.

Tatsächlich gilt Diskretion mittlerweile als verdächtig. Wer prominent ist, macht sein Privatleben gefälligst öffentlich, oder muss damit leben, dass es Gerüchte gibt. Zu den Nachtseiten der Freiheit gehört es auch, dass unser System exhibitionistische Charaktere und Showtypen prämiert, Leute, die kein Problem damit haben, ein „Bunte"-Team in ihr Schlafzimmer zu führen. Sicher, im Einzelfall kann die Sache ins Negative kippen, wie bei Rudolf Scharping. Aber es ist trotzdem nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die erste Politikerin für den „Playboy" auszieht – wetten? Claudia Roth hat uns dieser Tage immerhin schon mitgeteilt, eine Beziehung müsse für sie „so heiß sein wie ein Vulkan".

Diese Entwicklung kann man nicht rückgängig machen, so wenig, wie man Zahnpasta zurück in die Tube bekommt. Der Neugierde des Volkes wohnt ja auch ein demokratisches Moment inne – man möchte über die Mächtigen Bescheid wissen, weil von ihrem Charakter viel abhängt. Und es ist gut, dass nach Wowereits freiwilligem Outing und dem Zwangs-Outing des Ole von Beust schwule Politiker nicht mehr erpressbar sind. Die Schande fällt auf den Erpresser zurück. Trotzdem muss man die Freiheit verteidigen, nein zu sagen. Nein zu indiskreten Fragen, nein zur Homestory. Eine Person, die zu viel Privates veröffentlicht, verliert einen Teil ihrer Aura. „Bunte“, „Gala“ und Würde – das passt nicht immer zusammen.

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