Politik : Das Schlimmste ist kein Maßstab

Von Richard Schröder

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In die vergangene Woche fiel der 13. August. Hätte der Mauerbau verhindert werden können? Die Antwort muss wohl lauten: nur um den Preis eines atomaren Weltkriegs. Denn hätte der Westen die Sektorengrenze überschritten, um den Mauerbau zu verhindern, hätte das Krieg bedeutet. Und hätte die Sowjetunion als Alternative zum Mauerbau die alliierten Land und Luftwege zwischen Westberlin und Westdeutschland oder gar Westberlin selbst unter ihre Kontrolle gebracht (Chruschtschow: „entmilitarisierte freie Stadt Westberlin“), um den Ostdeutschen den Fluchtweg abzuschneiden, hätte das auch Krieg bedeutet. Insofern war der Mauerbau und seine Hinnahme durch den Westen das kleinere Übel. Ein Glück, dass die Kontrahenten des Kalten Krieges hier wie bei der Kubakrise alles vermieden haben, was zum Atomkrieg geführt hätte.

Hatte also die SED Recht, wenn sie erklärte, die Mauer hätte den Frieden gerettet? Aus der PDS hört man das auch und manchmal von westdeutschen Politikern. Und es scheint ja zu stimmen: der Atomkrieg wurde vermieden.

Wenn mir jemand die Hand abschlägt und nicht den Kopf, werde ich froh sein, am Leben geblieben zu sein, aber doch nicht dankbar, die Hand verloren zu haben. Wenn das denkbar größte Übel, der atomare Weltkrieg, zum Maßstab wird, sind alle anderen Übel kleiner - aber nicht deshalb klein. Der Atomkrieg wurde vermieden. Den Preis dafür mussten wir Ostdeutschen zahlen. Die Mauer war kein „antifaschistischer Schutzwall“ gegen Eindringlinge, sondern eine Gefängnismauer, die diejenigen am Weglaufen hindern sollte, die die SED als Arbeitskräfte festhalten wollte, obwohl sie sie zu Klassenfeinden erklärt hatte, der falschen sozialen Herkunft oder der falschen Weltanschauung wegen oder weil sie wirtschaftlich selbstständig bleiben wollten. Diskriminierungen in Bildung und Beruf waren die Hauptfluchtgründe, nicht der Wunsch nach Wohlstand, der als Wunsch nach Erfolg im Beruf auch nicht verwerflich ist.

Die Folge der Mauer war im Osten fürs Erste tiefe Resignation, fürs Zweite: Anpassung. Ich will das nicht verurteilen. Helden sind selten. Aber erst nach dem Mauerbau konnte die ideologische Indoktrination das Maß erreichen, dessen Nachwirkungen bis heute in östlichen Leserbriefen spürbar sind.

Für viele im Westen wurde die Mauer eine Sichtblende. Dahinter lag ein unheimliches und exotisches Land, gemieden von denen, die dort keine Verwandten hatten. Trotzdem galt es als unfein und reaktionär, die SED-Herrschaft als das zu bezeichnen, was sie war: eine Diktatur, nicht die denkbar schlimmste, aber eine Diktatur. Zunehmend regt sich Widerstand, wenn die beiden deutschen Diktaturen verglichen – nicht etwa gleichgesetzt – werden. Da haben sich manche ein neues erstes Gebot zurechtgelegt: „Du sollst keine anderen Teufel kennen neben Hitler.“ Darüber werden wir noch weiter zu streiten haben.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Er schreibt die Kolumne im Wechsel mit Antje Vollmer und Wolfgang Schäuble.

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