Politik : „Das schmerzt bis heute“

Der frühere US-Außenminister Powell gesteht ungewöhnlich offen Fehler im Vorfeld des Irakkrieges ein

Christoph von Marschall[Washington]

Der frühere US-Außenminister Colin Powell hat Fehler bei der Vorbereitung des Irakkriegs eingestanden und Amerikas Besatzungspolitik kritisiert. Ruhig und beherrscht, wie es seine Art ist, aber zugleich bewegend sprach der 68-Jährige in einem Fernsehinterview am Freitagabend von einem „bleibenden Makel“ seiner Karriere. Als „fürchterlich“ beschrieb er seine spätere Erkenntnis, dass die angeblichen Beweise für Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen, die er am 5. Februar 2003 in einem weltweit übertragenen Auftritt vor den Vereinten Nationen präsentierte, nicht belastbar waren.

Seine Rede, die er mit zahlreichen Satellitenaufnahmen von angeblichen Waffenfabriken oder beweglichen Biowaffenlabors und abgehörten Funksprüchen irakischer Militärs illustriert hatte, sollte damals Amerikas Kriegsvorbereitungen rechtfertigen und die UN dazu bringen, ein Mandat für den Angriff zu erteilen. „Ich war derjenige, der Amerikas Sache vor der Welt vertrat, das wird für immer mit meiner Person verbunden bleiben“, sagte Powell ABC News. „Das schmerzte und schmerzt bis heute.“

Powell hatte bereits in seiner Zeit als Außenminister der ersten Bush-Regierung, die bis Januar 2005 im Amt war, mehrfach sein Bedauern über falsche Geheimdiensterkenntnisse ausgedrückt. In dem Interview, das vorab aufgezeichnet und verbreitet wurde, nahm er den damaligen CIA-Chef George Tenet in Schutz. Von ihm fühle er sich „nicht in die Irre geführt“. Zur Vorbereitung seiner Rede habe er fünf Tage lang im CIA-Hauptquartier die Geheimdienstunterlagen geprüft. „Es gab Mitarbeiter, die damals schon wussten, dass manche Quellen nicht gut sind und wir uns auf sie nicht verlassen können, aber sie haben mir das nicht gesagt.“

Powell betonte jedoch, er sei nicht gegen den Krieg gewesen. Immer wieder war vermutet worden, er sei ein Kriegsgegner, der allenfalls aus Loyalität zum Präsidenten geschwiegen habe. Auf die Frage, ob er für den Angriff gewesen sei, als Bush die Entscheidung traf, antwortete er mit einem klaren „Ja“. Er selbst wisse Loyalität zu schätzen, „aber ich bin froh, dass Saddam Hussein weg ist“.

Amerikas erster schwarzer Außenminister, der zuvor Reagans Sicherheitsberater und Oberbefehlshaber unter dem älteren Bush gewesen war, kritisierte aber das Vorgehen im Irak. „Direkt nach dem Ende der Hauptkampfhandlungen hätten wir dem Land unseren Willen aufzwingen müssen“: mit viel mehr eigenen Truppen und einer rascheren Aufstellung starker irakischer Streitkräfte. Das ist eine deutliche Kritik an Verteidigungsminister Rumsfeld, der stets für einen zahlenmäßig begrenzten Einsatz war. Powell sagte, heute habe Amerika angesichts der anhaltenden Gewalt „keine andere Wahl, als weiter in irakische Truppen und ihre Kampfstärke zu investieren“.

Ein großer Teil des Interviews behandelte die Lage nach dem Hurrikan. Powell gilt als Kandidat für die Leitung der Wiederaufbauhilfe. Er bemängelte „Fehler auf allen Ebenen: Gemeinde, Staat, Bund“. Die Vorwarnzeit, speziell in New Orleans, sei nicht genutzt worden. Den Vorwurf eines neuen Rassismus, der sich in schleppender Hilfe für schwarze Opfer ausdrücke, wies er zurück. „Das hat nicht mit Rassismus, das hat mit Armut zu tun. Von Armut sind in diesem Land Schwarze überproportional betroffen.“

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