Politik : Das Schweigen der Rekruten

Die Ermittler wundern sich, dass viele junge Soldaten die Quälereien als nichts Besonderes bezeichnen

Robert Birnbaum

Das Rätsel von Coesfeld wirkt größer, je mehr davon bekannt wird. Wie konnten Bundeswehr-Ausbilder offenbar auf die Idee kommen, mit Rekruten übungshalber „Folter“ zu spielen? Wie konnte die Brutalo-Ausbildung sich anscheinend über Monate hinweg wiederholen, ohne dass jemand Protest erhob? Über 100 Soldaten, die ihre Grundausbildung in der 7. Instandsetzungskompanie in Coesfeld absolviert haben, hat die Staatsanwaltschaft Münster inzwischen vernommen. Rund 70, sagt ein mit Details Vertrauter, haben angegeben, für ihr Gefühl sei nichts Besonderes passiert. Ein gutes Dutzend fand die Methoden übel. Ein anderes Dutzend aber lobte die Ausbildung im Gegenteil als besonders gut.

Die Statistik wirft ein Schlaglicht auf einen Verdacht, der auch Militärs und Wehrexperten umtreibt: Haben da einige Ausbilder nicht aus Sadismus, sondern aus einem falschen Bild der neuen Bundeswehr im Einsatz heraus Rekruten zu einer „Geisel-Übung“ gezwungen, Elektroschocks und zwangsweises Wasserschlucken inklusive? „Das Gegenteil von ,gut’ ist oft ,gut gemeint’“, sagt der Vizevorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Kossendey (CDU). Die Vorgesetzten hätten vielleicht geglaubt, eine „besonders realitätsnahe Ausbildung“ zu machen, vermutet auch der Chef des Bundeswehrverbands, Oberst Bernhard Gertz. Beide warnen davor, von „Folter“ zu sprechen. Opfer echter Folter kennen anders als die Rekruten kein Stopp-Wort. „Tipi“ soll die Losung gelautet haben, die den Spuk beendet hätte. „Die haben das nicht genannt, weil keiner Schwäche zeigen wollte“, sagt Gertz.

Unverständnis darüber zeigt der Mann, der über die Innere Führung wacht. „Einzelne haben in krasser Form versagt“, sagt Brigadegeneral Robert Bergmann. Damit es beim Einzelfall bleibt, will er vorsichtshalber die Dienstaufsicht verbessern. Und alle Rekruten daran erinnern, dass es keinen „Kadavergehorsam“ gibt. Auch Gertz spricht vom Einzelfall – er habe keine Hinweise auf andere Fälle. Übrigens auch keine Klagen von Leuten, die sich geschädigt fühlten. Wofür es allerdings eine nur allzu simple Erklärung geben könnte: In der Grundausbildung im Münsterland waren auch Offiziersanwärter. Für die Karriere schlucken nicht nur Soldaten vieles.

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