Politik : Das steht auf einem anderen Blatt

FRANKFURTER BUCHMESSE

Hellmuth Karasek

In einer Zeit, in der gute Nachrichten so selten sind wie wirklich gute Bücher oder positive Wirtschaftsdaten, muss man gute Nachrichten unbedingt zuerst bringen – vor allem, wenn sie die Kultur, die Lesekultur, die Buchmesse betreffen. Also: Dieses Jahr kommen rund 350 inländische Verlage mehr zur größten Literaturmesse der Welt. „Der gefährliche Abwärtstrend" sei gestoppt, sagt Buchmessen-Direktor Volker Neumann.

Das wird die bis zum 13. Oktober in Frankfurt erwarteten 270 000 Besucher freuen, und es wird die „Idee des Buchs“ in einem optimistischeren Licht erglänzen lassen. Das war auch höchste Zeit! Lange genug prägten Worte wie Rückläufigkeit (das Buchgeschäft), Pessimismus (das schwindende Lesebedürfnis) und Verzagtheit (die Ohnmacht des Buchs in einer brutalen Welt) diese Messe.

Vor zwei Jahren stand sie unter dem Schock des 11. September, vergangenes Jahr unter dem fatalen Eindruck des drohenden Irak-Krieges. Wirtschaftliche Depressionen als Begleitung dieser düsteren Zeitstimmung ließen Buchhändler und Verleger, Kritiker und Bücherfreunde verzagen. Und im Frühjahr 2003 hieß es gar, die Buchmesse würde ihre seit Beginn der Bundesrepublik angestammte Heimstätte, nämlich das von Banken- und Börsenkrisen geschüttelte, teure Frankfurt verlassen: Auf nach München – „Rette sich wer kann“!

Nichts mehr davon! Frankfurt, nicht München, leuchtet, was das große Signal der Buchmesse anlangt. Dabei ist die teure, zu teure Metropole nicht im Geringsten billiger geworden. Im Gegenteil. Aber die Kleinen, die jetzt wegen der horrenden Preise und wegen der Lage überhaupt wegbleiben müssen, die rechnet man ohnehin in die Verlustmasse, als notwendiges Ballast-Ablassen. Die kleinen und feinen Buchhandlungen, die in der Provinz neben Museen, Bibliotheken und Subventionstheatern für das sorgten, was deutsche Kulturvielfalt und provinzielle Individualität so einmalig machten, die sterben, geben auf, weichen dem Internet. Das nimmt man mit Achselzucken zur Kenntnis – mit garantiert echten Krokodils- und sonstigen Tränen.

Die Buchmesse lebt! Und wie! Zum zweiten Mal wird sie den Hype um Dieter Bohlen mit kreischenden Teenies und begeisterten Nichtlesern, die zu lesenden Analphabeten mutieren, in den Messehallen zelebrieren und genüsslich als Erfolg auskosten – auf der Verlagsseite möglicherweise mit einem heimlichen Katzenjammer, den man mit Wein auf den zahllosen Buchmessepartys leicht hinweg-, voran- und wegspülen kann.

Man wird sagen dürfen: Früher waren es Reich-Ranicki und Co., die für verkaufsentschlossene Lesebegeisterung sorgten, heute ist es die Vorleserin der Nation, Elke Heidenreich. Doch in Wahrheit ist es „Bild“, die in dem wundersamen Kombi-Spiel von Vorabdruck, Skandal, Replik des Skandalisierten für eine totale Vermarktungsstrategie, für eine totale Bohlenisierung des Buchmarkts sorgt.

Doch soll man derart nicht zu arg jammern, obwohl der graue Kulturpessimismus seit jeher eine schicke, im Trend liegende Modebekleidung der Medienbranche ist, die zurzeit hämisch darüber tratscht und klatscht, wie gut sich noch der primitivste Trash und Klatsch Bestseller-gerecht verhökern lässt: Naddel, Juhnkes „Witwe", der 17-jährige schräge Vogel Küblböck – soll man da verzweifeln? Man soll nicht, weil diese Leser anderen Büchern kein Publikum wegnehmen – so wenig wie Fußballstadien das für Experimentiertheater tun. Man darf jammern, weil die Statistik auch sagt, dass die Bereitschaft zum Lesen zurückgeht. Ach was, Statistik! Jetzt ist erst mal Buchmesse! Noch ist Bohlen nicht verloren.

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