• Das System Kohl hat ein Vorbild - die Stadt Chicago. Über Politik als Kopie der Kolportage

Politik : Das System Kohl hat ein Vorbild - die Stadt Chicago. Über Politik als Kopie der Kolportage

Erwin K.,Ute Scheuch

"Mitten im Leben", heißt es auf dem Hintergrund, vor dem die Oberen der CDU das jeweils neueste Scheibchen an Enthüllungen vorstellen. Tatsächlich eignet sich, was in diesen Tagen an vordem verdeckten Vorgängen aus der bundesdeutschen Politik sichtbar wird, zum Nachdenken über die Beziehungen zwischen Fiktion und Realität.

Da gibt es den Politiker, der ungerührt schwarze Kassen führt. Mit diesen sichert er sich auch die Loyalität von Zaunkönigen auf der Kreisebene der Politik. Er pflegte die Beziehungen zu diesen heimischen Vögeln mit Telefonaten, Aufmerksamkeiten verschiedenster Art und der Vermittlung des Gefühls, hier sei das väterliche Nest der Partei.

Das System Kohl hat ein Vorbild - oder sollte man nicht besser sagen: einen Vorgänger? Es ist die lange Herrschaft des Demokraten Richard Daly als Bürgermeister von Chicago. An dieser Form der Herrschaft entwickelten amerikanische Journalisten den Begriff der Machine Politics. Die Ortsvorsitzenden der Millionenstadt waren die Truppen, auf die sich Daly gegen Angriffe stützen konnte, und seine Zaunkönige konnten sich in schweren Zeiten wiederum auf die Empfänger begrenzter Wohltaten verlassen: auf Arbeitslose, die im Winter fürs Schneeschippen ausgewählt wurden, oder auf Kleingewerbetreibende, die von Polizeipatrouillen geschützt wurden gegen unorganisierte Kriminalität.

Hang zum Bargeld

Der ehemalige Ehrenvorsitzende der CDU betont, seine höchste Tugend sei die Ehre. Ältere Deutsche könnten hier an Koppelschlösser denken, auf denen stand: "Unsere Ehre heißt Treue." Das aber ist hier nicht der Bezug. "Unsere Ehre heißt Treue" ist vielmehr eine generelle Überlebensmaxime bei Gangs außerhalb der Legalität. So auch bei politischen Seilschaften.

Da wird knapp jenseits der deutschen Grenzen auf dem Parkplatz eines Supermarktes ein Köfferchen mit Geldscheinen übergeben, die sich zu einer Million addieren. Von Hand getragen in die Bundesrepublik verbracht, wird die Million auf Konten gebunkert, die nur die Eröffner kennen. Der Ablauf wirkt wie die Kopie eines Serienkrimis im Fernsehen. Dies gilt allgemein für den Hang zum Bargeld. 1,15 Millionen in Scheinen sind vom Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Hörster, an die Partei weitergereicht worden. Ihr weiterer Verbleib lässt sich nicht restlos aufklären. Und zur Erklärung der Herkunft dieser Mittel darf das Publikum zwischen verschiedenen Geschichten wählen. 100 000 Mark in bar wurden an Schäuble überreicht, wobei das Publikum wiederum die Wahl hat zwischen mehr als einer Geschichte. Von da an verliert sich der weitere Weg der Geldscheine im Erklärungsnebel.

Zu den farbigen Gewohnheiten des "Bimbes"-Kanzlers gehörte auch ein Kasten im Arbeitszimmer mit reichlich Barem. Daraus konnten sich dann Helfer wie Juliane Weber für die Verköstigung von wichtigen Gästen bedienen. Ein Patentanspruch steht den Personen des Systems Kohl nicht zu. Erfunden wurde dieser freihändige Umgang mit Barem schon vorher von Drehbuchschreibern für die billigeren Krimi-Serien.

Für sehr viel Geld, das letztlich vom Steuerzahler aufzubringen war - beispielsweise für 40 371,75 Mark - fliegt der Finanzminister des Landes Nordrhein-Westfalen mal eben in Richtung Balkan und Adria. Angegebener Zweck einer dieser Reisen ist die Unterrichtung über aktuelle wirtschaftliche und politische Probleme der Republik Slowenien. Dort aber ist der Besuchtstag ein Feiertag und amtliches Personal nicht anzutreffen. Von Regierungsstellen erinnert sich niemand an den hohen Besuch aus Nordrhein-Westfalen. Nun will sich die Witwe des Piloten, mit dem ein kleinerer Kreis sozialdemokratischer Politiker zu fliegen pflegte, noch an mancherlei Flüge erinnern. Die vermeintliche Kronzeugin aber ließ sich ihre erste Erinnerung bereits bezahlen.

An sich kann man bei den laufenden und stolpernden Affären durchaus an Vorbilder wie den "Zerbrochnen Krug" von Heinrich von Kleist denken. Wer bisher jedoch bei allen Skandalen fehlt, ist der Dorfrichter Adam, der, wie ein wissender und zugleich verdrängender Ödipus, seine eigenen Taten untersucht. Am nächsten kommt dem noch CDU-Chef Wolfgang Schäuble.

Führende Politiker auch in Demokratien müssen das Volk an ihren größeren Feierlichkeiten teilhaben lassen. Hierzu gehören bürgernahe, gesponsorte Kanzlerfeste oder Präsidentenempfänge. Bei der Feier zum 65. Geburtstag von Johannes Rau stand jedoch offensichtlich Anspruchsvolleres als Modell, nämlich Feste zu Feudalzeiten - wozu allein die West-LB 150 000 Mark beisteuerte. Finanziert wurde dies durch Minderung der Zahlungen der West-LB an die Landesregierung. Hier ist nämlich die Bank tributpflichtig, und das Land Nordrhein-Westfalen holt sich dann eben die geringere Überweisung zurück aus Steuermitteln.

Die Erblasser

Nun fehlt bei allen diesen Anklängen an literarische oder historische Vorbilder noch ein evidentes Schurkenstück. Immerhin, da landen auf Konten der hessischen CDU erklärungsbedürftige Erbschaften in vielfacher Millionenhöhe, und der Biedermann als Brandstifter weiß zu erzählen, anonym bleibende Juden hätten diese Erbschaften als Ausdruck ihres Patriotismus gewährt. Als dann der Fiktionscharakter der großherzigen Erblasser ans Tageslicht kam, entschuldigte sich die politische Klasse, tote Juden für Geldwäschereien benutzt zu haben.

Diese Vorgänge werden gemeinhin beurteilt nach den Maßstäben politischer Moral. Oder als Übertretungen von Gesetz und Recht. Sie sind aber schon unter ästhetischen Gesichtspunkten entlarvend. Das ist Politik auf dem ästhetischen Niveau von Groschenromanen, von trivialen Fernsehserien. Das alles wirkt, kommt es erst ans Tageslicht, so einfallsreich, wie es inzwischen die Sachpolitik bei uns in Fragen der Rentenreform, in Fragen des Gesundheitswesens oder der wirtschaftlichen Ordnungspolitik ist. "Die CDU - mitten im Leben" ? Nur inmitten einer Kolportage über das Leben.Die Verfasser sind Sozialwissenschaftler. Erwin K. Scheuch lehrt Soziologie an der Universität Köln.

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