Politik : Das Tor bleibt eckig

Von Markus Hesselmann

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Ein Star ist ein Star, weil er weit über seine Branche hinaus bejubelt wird. Dichter etwa sind Stars, wenn die Leute sie kennen, ohne unbedingt ihre Bücher gelesen zu haben. Marcel Reich-Ranicki hat sie irgendwann mal gelobt. Das reicht. Hast du das schon gelesen? Nein, aber es ist ein tolles Buch und es liegt bei mir auf dem Nachttisch. Was das mit Fußball zu tun hat? Viel.

Wundern Sie sich nicht darüber, dass in diesen Tagen immer mehr Menschen fragen, wer das Duell im deutschen Tor gewinnt, ob Klinsmann seinen Wohnsitz nach Schwaben verlegen soll und wann wir wohl auf die Holländer treffen? Diese Verwandten, Kollegen und Freunde standen bislang nicht im Verdacht, ihren Urlaub nach dem Bundesligaspielplan zu buchen. Samstagabends um sechs, zur Sportschauzeit, waren Telefonanrufe bei ihnen zulässig. Auf einmal aber sprechen sie Namen wie Hitzlsperger und Owomoyela unfallfrei aus. Das alles bewirkt die Fußball- WM in Deutschland 2006. Für Bildungsbürger: Sie ist das Literarische Quartett extrasuperspezial. Kaiser Franz ist ihr Literaturpapst. Sein erstes Hochamt wird heute Abend bei der WM-Auslosung gefeiert. Willkommen in der globalen Fußball-Gemeinde.

Menschen in 160 der insgesamt 191 UN-Staaten sind live dabei, wenn Heidi Klum und Reinhold Beckmann im Leipziger Messezentrum Franz Beckenbauer auf die Bühne bitten. Was die in den 31 anderen Ländern wohl machen? Auch sie kennen ja sicherlich Beckenbauer. Alle kennen den Mann, der die Weltmeisterschaft nach Deutschland geholt hat, gerade weil ihn die ganze Welt kennt. Beckenbauer steht heute Abend zu Recht ganz vorn im Scheinwerferlicht. Beckenbauer verkörpert den Fußball für ganze Generationen – als Spieler, als Trainer, als WM-Organisator. Was Beckenbauer sagt, ist wahr. Es kann noch so unsinnig sein. Beckenbauer wirkt durch seine Aura. Das ist fast so wie bei Reich-Ranicki.

Zum großen Franz kommt heute Abend der böse Joseph auf die Bühne. Blatter spielt den Buhmann seit Jahren sehr überzeugend, erst als Generalsekretär, dann als Chef des Weltfußballverbandes. Der Herr Präsident ist schwer durchschaubar. Mal gibt er sich als Traditionalist, mal als Erneuerer. „Es ist ein Geheimnis des Fußballsports, dass seine Regeln in über hundert Jahren fast unverändert blieben“, hat Blatter einmal gesagt. Während der WM 1994 in den USA hatte es Vorschläge gegeben, das Spiel in vier Viertel zu teilen, damit mehr Werbepausen entstehen. Blatter lehnte das ab. Das kommt uns entgegen. Wir müssen nicht dauernd den Lehrplan für Fußballkunde ändern. Später wollte Blatter dann auf einmal die Tore vergrößern, damit mehr Zählbares rauskommt und sich die statistikversessenen Amerikaner mit dem strukturell ereignisarmen Soccer-Spiel anfreunden können. Dabei liegt gerade im Raren das Rauschhafte. Je seltener Tore fallen, desto dionysischer werden sie gefeiert. Wer Statistiken liebt, soll zum Basketball gehen. Aus ähnlichen Gründen schwebte Blatter zwischenzeitlich vor, das Unentschieden, ein prägendes Merkmal des Fußballs, nicht mehr zuzulassen. Doch was ist schöner als ein ermauertes torloses Unentschieden gegen einen Favoriten? Deutschland – Brasilien 0:0? Können wir uns drauf einigen.

Aus all diesen Vorschlägen wurde zum Glück nichts. Joseph Blatters Hang zum Aktionismus hat das indes keinen Abbruch getan. Als vor kurzem das WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz in Istanbul in eine Orgie der Obszönität und Gewalt überging, dachte er laut darüber nach, zu Befriedungszwecken das Abspielen der Nationalhymnen vor Spielbeginn kurzerhand abzuschaffen. So wenig war Blatter dieses wichtige Länderspielritual wert. Sogar die absurde Idee, Länderspiele künftig auf neutralem Boden austragen zu lassen, kam ihm öffentlich in den Sinn. Oft wirkt der oberste Fußballfunktionär wie einer, der vom Spiel nichts versteht. Da wird wohl auch die WM nicht helfen. Das macht aber nichts. Am Ende versteht kaum einer dieses Spiel. Dazu ist es zu schön.

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