Politik : Das unerhörte Signal

Von Frank Jansen

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Die Erinnerung an das Schreckliche unterbricht die Ruhe. In dem Jahr nach der Anschlagsserie von Madrid sind die Staaten der Europäischen Union von islamistischen Terrorangriffen verschont geblieben, abgesehen vom Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. Die Westeuropäer befinden sich offenbar weitgehend in einem Zustand gefühlter Sicherheit. Fast scheint es, als sei das Gedenken an die 191 Toten von Madrid und an die vielen Verletzten eines dieser üblichen Rituale, die Politik und Medien an Jahrestagen historischer Ereignisse inszenieren.

Jedenfalls ist außerhalb Spaniens kaum Resonanz festzustellen, weder auf den Straßen noch in den Universitäten oder sonstwo im öffentlichen Raum. Madrid ist vorbei. So wie der 11. September, wie die Anschläge auf Djerba, Bali, in Mombasa, Beslan. Und wer außer den Sicherheitsexperten nimmt noch zur Kenntnis, was sich im Irak abspielt? Der Schrecken wird verdrängt. Das ist auch verständlich. Doch das Gefühl von Sicherheit und die Ruhe in Westeuropa angesichts ausgebliebener großer Anschläge nach Madrid gleichen einer Selbsttäuschung.

Die Terrorgefahr lässt keineswegs nach. Spätestens nach dem 11. September ist vielmehr ein prekäres Zeitschema zu erkennen: Wenn mehr als drei Monate nach einem Anschlag nicht der nächste kommt, ist erst recht eine Katastrophe zu befürchten. Islamistische Terroristen bereiten unablässig schwere Schläge vor, auch in Westeuropa. Es gibt nicht den geringsten Anlass zu hoffen, mit Madrid sei das Schlimmste überstanden. Für die Internationale des islamistischen Terrors hat sich die Lage nicht geändert. Alle westlichen Demokratien bleiben Feinde, die es zu vernichten gilt.

Außerdem zeichnen sich neue Gefahren ab. Die im Irak bombenden, auch aus Westeuropa gekommenen Islamisten kehren irgendwann in ihre Heimatländer zurück. Dort werden sie als abgehärtete Terrorprofis weiter morden oder zumindest ihr Know-how an die nächste Fanatikergeneration übermitteln. Eine wachsende Gefahr geht auch von den Versuchen einiger Terrorgruppen aus, an nukleare, biologische und chemische Stoffe zu gelangen. Gelingt es noch nicht jetzt, dann später. Aufgeben werden sie nicht.

Die militanten Islamisten haben Zeit. Sie denken ihren Kampf in Jahrhunderten, als Fortsetzung von in Europa längst vergessenen Kriegen, zum Beispiel der Kreuzzüge. Was wir als Ruhe interpretieren, ist für die islamistischen Terroristen die Zeit des Ausspähens neuer Ziele, der Beschaffung von Geld, Waffen, Sprengmitteln und Giftstoffen, der präzisen Planung und Vorbereitung der nächsten Angriffe. Sind wir darauf vorbereitet?

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat jetzt Vorschläge zur wirksameren Abwehr des Terrors unterbreitet. Schon die Tatsache, dass Annan Verbesserungen anmahnen muss, zeugt vom Ausmaß der Defizite, die sich Westeuropa und die Welt insgesamt gegen den militanten Islamismus leisten. Dreieinhalb Jahre nach dem 11. September gibt es zum Beispiel noch keine Strategie, wie den Terroristen die Rückzugsgebiete zu nehmen und die Unterstützerszenen auszutrocknen wären.

Wer befasst sich ernsthaft mit der Situation in der Warlord-Hölle Somalia, in den von Al-Qaida-Kämpfern infiltrierten Palästinenserlagern in Libanon, den „befreiten“ Zonen im Süden der Philippinen und in Indonesien? Wie lange noch kann der pakistanische Geheimdienst ISI sein Doppelspiel treiben – die Jagd auf Osama bin Laden zu versprechen und die mit Al Qaida verbündeten Taliban und Kaschmir-Rebellen zu alimentieren? Wann endlich wird Saudi-Arabien so stark unter Druck gesetzt, dass die Geldquellen des Terrors nicht nur ein wenig eingedämmt, sondern verschlossen werden?

Und es quält die Frage, wie der Westen den Makel von Abu Ghraib und Guantanamo wieder los wird. Immerhin, Richter in den USA und das englische Oberhaus weigern sich, Freiheitsrechte dem Anti-Terror-Kampf zu opfern. Das stärkt das Ansehen der Demokratie. Aber auch auf solchen Erfolgen darf sich niemand ausruhen. Madrid kann sich schon morgen wiederholen.

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