Politik : "Das unerschrockene Wort": Sie trieb die rechtsextreme Szene zu Wutausbrüchen

Frank Jansen

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Hier der Schriftsteller, der mit seinen Äußerungen Applaus von Rechtsextremisten bekam, dort die Eberswalder Polizeipräsidentin, die Neonazis zu Wutausbrüchen treibt: Martin Walser und Uta Leichsenring standen zur Wahl, als die zwölf deutschen Lutherstädte die Auszeichnung "Das unerschrockene Wort" zu vergeben hatten. Aber es ging nicht nur um zwei Prominente, sondern auch um eine Art Richtungsentscheidung vor dem Hintergrund der breiten Debatte über die rechte Gefahr. Sollte mit Walser ein Mann geehrt werden, dem seit seiner Friedenspreisrede 1998 vorgeworfen wird, er sei zum Stichwortgeber für Rassisten mutiert? Oder Uta Leichsenring, eine der seltenen Stimmen im Staatsapparat, die beharrlich vor Verharmlosung rechter Gewalt warnen?

Die Lutherstädte haben sich am 9. November, dem 62. Jahrestag der Reichspogromnacht, für die Polizeipräsidentin entschieden. Das Signal ist klar: Wer wie Walser über Auschwitz spricht und den Begriff "Moralkeule" verwendet, hat alles andere als ein "unerschrockenes Wort" von sich gegeben. Allerdings versucht Uta Leichsenring, Walser ein wenig in Schutz zu nehmen: Sie schätze ihn als Schriftsteller und war "sehr unglücklich" über seine Äußerungen, sagt sie dem Tagesspiegel. Das passt zu der 50-jährigen Polizeipräsidentin. Die zierliche Frau ist keine Hau-drauf-Figur. Aber zäh.

Im November 1991 übernahm sie die Führung des Eberswalder Präsidiums. Zu DDR-Zeiten als Datenverarbeiterin tätig, änderte die Wende ihr Leben radikal. Plötzlich war Leichsenring bei der Auflösung der Stasi in Potsdam dabei. Kaum weniger überraschend gelangte die zweifache Mutter an die Spitze der Männerbehörde Polizeipräsidium. Doch sie setzte sich durch, auch mit unpopulären Maßnahmen. So suspendierte sie 1994 sofort zehn Polizisten der Bernauer Wache vom Dienst, als der Verdacht der Misshandlung von Vietnamesen aufkam.

Die Polizeipräsidentin redet nicht nur über die Notwendigkeit persönlichen Engagements gegen Rechts, sie praktiziert es auch. Leichsenring zählt zu den Mitgründern des "Netzwerks für ein tolerantes Eberswalde", 1999 appellierte sie mit zwei Landräten in einem Offenen Brief an die Bevölkerung: "Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Bereiten Sie nicht aus übertriebener Angst den Boden für Rechtsextremismus!" Trotzdem wollte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm die als liberal geltende Leichsenring loswerden. Doch Schönbohm hatte den Protest in SPD und PDS unterschätzt. Nun ist Leichsenrings Zukunft wieder offen. Ob ihr die Auszeichnung "Das unerschrockene Wort" weiterhilft? "Ich weiß nicht", sagt sie, "erstmal bin ich ein bisschen verlegen".

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