Politik : Das unverlierbare Osterei

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Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / durch des Frühlings holden, belebenden Blick? Nun ja. Das beschreibt die Realität des Jahres 2007 nicht besonders zutreffend: Welches Eis? Wieso befreit? Seltsam, dass Goethe trotz seiner universalen Gelehrsamkeit den Klimawandel nicht vorhersehen und ggf. durch ein paar gezielte Reime bannen konnte. Auch die Stelle seines Osterspaziergangs, an der es heißt: „Jeder sonnt sich heute so gern / sie feiern die Auferstehung des Herrn“, trifft die Situation der Gegenwart nicht präzise. Sonnen, das geht immer, aber der geistig-moralische Teil des aktuellen Osterprogramms besteht offensichtlich eher darin, statt der Auferstehung des Herrn die Erfindung der Latte macchiato zu feiern.

Nichts dagegen! Nur gehen dabei auch allerhand andere Traditionen unter, die uns Älteren dereinst lieb und wert erschienen. Hallo, Kinder: Wir haben damals unsere Ostereier selbst gesucht. Versteckt hatte sie der sog. Osterhase, eine Art prähistorischer Knut mit Kiepe und überlangen Ohren. Heute kaufen die Eltern massenhaft bunte Eier, der Hase wird als Erfindung des österlich-industriellen Komplexes verlacht, und Suchen kostet sowieso viel zu viel Zeit, die sich an der Playstation mit dem Kampf gegen die Invasion der Killereier aufregender verbringen lässt.

Jetzt hat dieser Text leider einen latent kulturpessimistischen Unterton bekommen, der nicht beabsichtigt war. Im Gegenteil: Die moderne Computertechnik hebt das traditionelle Ostereiersuchen sogar auf ein neues technisches Niveau, macht es für die nachwachsende Generation wieder attraktiv. Am Sonntag findet in Travemünde ein „Geocoaching“ statt, ein Vorgang, der im Wesentlichen darauf hinausläuft, versteckte Osternester per GPS-Ortung zu finden. Die Kraft des kindlich scharfen Blicks ist nicht mehr gefragt, stattdessen kommt es auf den geschickten Umgang mit der Technik an.

Vor allem rückt die Vision des unverlierbaren Ostereis näher: Egal, wie raffiniert es versteckt ist, wird es doch noch mit Satellitenhilfe eingesackt sein. Was derlei Neuerungen für die Kindheit an sich bedeuten, ist nur schwer abzusehen. Das klassische Versteckspiel – nur noch eine Sache der Navigation?

Ach, Ostern. Sonnen wir uns ein wenig, beten wir den Herrn an oder die Latte macchiato. Wer weiß, ob es nächstes Jahr nicht wieder friert und schneit.

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