Politik : Das verflixte sechste Jahr

In Deutschland wurden 2001 so viele Ehen geschieden wie nie zuvor – vor allem im Westen der Republik

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Von Kristina Schmidt

Der Volksmund spricht vom „verflixten siebten Jahr“, die Statistiker sehen dies allerdings etwas anders. Zumindest geht aus der jüngsten Aufstellung des Statistischen Bundesamtes hervor, dass das höchste Scheidungsrisiko in Deutschland zwischen dem dritten und dem sechsten Ehejahr liegt.

Auch der Wunsch vom Zusammenhalt in guten und in schlechten Zeiten scheint überholt: Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland einen neuen Rekord. Insgesamt ließen sich nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes 197 500 Paare scheiden, was einen Anstieg um 1,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Abgesehen vom Ausnahme-Jahr 1999 steigt die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland seit 1993 kontinuierlich an.

Der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi führt die steigende Scheidungsrate auf unrealistische Erwartungen an die Ehe zurück. In einer Partnerschaft gebe es nicht nur Glück, sondern auch Krisen und Streit. Zunehmend mache sich aber eine „Konsumhaltung" bei Ehepartnern breit, erklärt der Paartherapeut. Willi hat die Tendenz ausgemacht, bei Problemen zu schnell aufzugeben.

Die Gründe für den Scheidungs-Boom sehen Experten allgemein in den gestiegenen Anforderungen im Berufsleben. Geldsorgen und lange Arbeitszeiten gelten als Stolpersteine für Eheleute. Oft steht auch das Ziel der Selbstverwirklichung an höherer Stelle als die Familie. Kinder werden zudem nicht mehr als Scheidungshindernis angesehen: Die Hälfte der im Jahr 2001 geschiedenen Ehepaare hatten Kinder unter 18 Jahren. Insgesamt waren so 153 500 minderjährige Kinder von der Trennung ihrer Eltern betroffen.

Am geringsten war die Zahl der Scheidungen bei denjenigen, die ihre Silberhochzeit noch zusammen verbrachten. Die Statistik des Wiesbadener Bundesamtes weist übrigens auch Unterschiede in den einzelnen Bundesländern aus: Paare in den alten Bundesländern beendeten ihre Ehe häufiger als in Ostdeutschland.

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