Politik : Das vergessene Lager

Abgeordnete appellieren an Westerwelle, Museum in Sobibor zu unterstützen

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Kein Geld für die Erinnerung. Das Außengelände der Gedenkstätte Sobibor ist noch für Besucher zugänglich, aber das kleine Museum musste Anfang Juni schließen. Foto: dpa
Kein Geld für die Erinnerung. Das Außengelände der Gedenkstätte Sobibor ist noch für Besucher zugänglich, aber das kleine Museum...Foto: dpa

Berlin - Auf dem Berliner Wittenbergplatz erinnert eine Tafel an die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Sie nennt die „Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen“ – darunter Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen und Dachau. Das Vernichtungslager Sobibor allerdings fehlt, obwohl in dem kleinen Ort in der Nähe von Lublin mindestens 250 000 Juden ermordet worden sind. Sobibor ist einer der vergessenen Tatorte des Holocaust. Erst durch den Münchener Prozess gegen den KZ-Wachmann John Demjanjuk rückte dieses Lager ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit. Doch wer heute auf einer Reise durch Polen die Gedenkstätte Sobibor besuchen will, erhält keine Informationen über das Lager: Das Außengelände ist zwar zugänglich, aber das Museum ist seit Anfang Juni geschlossen – aus Geldmangel.

Die Gedenkstätte Sobibor gehört zum Museum der benachbarten Gemeinde Wlodawa, und die hatte den Zuschuss drastisch gekürzt. Mitarbeiter konnten nicht mehr bezahlt werden, das in einem kleinen Holzhaus untergebrachte Museum, das ohnehin nur fünf Stunden täglich geöffnet war, musste seine Türen schließen. Ab Januar 2012 soll die Gedenkstätte vom polnischen Kulturministerium finanziert werden. Für die Zwischenzeit scheint keine Lösung in Sicht. Das Kulturministerium in Warschau hat zwar erklärt, die Gedenkstätte Sobibor solle eine Zweigstelle des Staatlichen Museums in Majdanek werden. Allerdings ist völlig unklar, ob sich diese Lösung innerhalb kurzer Zeit umsetzen lässt. Bisher sei noch keine offizielle Entscheidung getroffen worden, sagt Agnieszka Kowalczyk vom Museum in Majdanek. „Wie unsere Aufgabe genau aussieht, wissen wir nicht.“

Grünen-Bundestagsabgeordnete appellieren nun an die Bundesregierung, sich finanziell zu engagieren. Zuvor hatte bereits der Leiter der Gedenkstätte, Marek Bem, eine Unterstützung von deutscher Seite gefordert. Es sei „inakzeptabel“, dass die Erinnerungskultur nun eine „Zwangspause“ einlegen solle, schreiben Volker Beck, erster parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, und deren rechtspolitischer Sprecher Jerzy Montag in einem Brief an Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Der Erhalt der KZ-Gedenkstätte sei „im Besonderen auch eine deutsche Verantwortung“. Deshalb fordern Beck und Montag den Außenminister auf, sich für den Weiterbetrieb der Gedenkstätte einzusetzen und „zunächst eine zeitlich befristete, aber alsbaldige finanzielle Unterstützung durch die Bundesrepublik Deutschland zu prüfen“.

Bisher haben weder die Gedenkstätte Sobibor noch das Museum in Majdanek Geld aus Berlin erhalten. Bund und Länder werden die 2009 gegründete Stiftung Auschwitz-Birkenau in den kommenden Jahren mit 60 Millionen Euro unterstützen. Der polnische Staatssekretär und Auschwitz-Überlebende Wladyslaw Bartoszewski hatte an die internationale Gemeinschaft – und explizit an Deutschland – appelliert, der Stiftung zu helfen.

Das Auswärtige Amt verweist darauf, dass Deutschland verschiedene Museen und Institutionen unterstütze, die der jüdischen Geschichte in Europa gewidmet seien. Die Botschaft in Warschau stehe Gedenkprojekten offen gegenüber, sagte eine Sprecherin. Für Sobibor gebe es aber keine Anfrage aus Polen. „Weiterer Bedarf ist bisher nicht an die Bundesregierung herangetragen worden.“

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