Politik : Das verhasste Paradies

AMERIKA UND DIE WELT

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Von Robert von Rimscha

Was wird das kommende Jahr prägen? Wer bestimmt 2003 im Weltmaßstab? Amerika. Weltmacht, Supermacht, Hypermacht. Hegemon, Schurken-Bestrafer, unverzichtbare Nation. Langsam gehen die Begriffe aus, um zu erfassen, was die USA sind. Jedenfalls wird in Washington ein Land regiert, das dem Rest des Globus enteilt scheint. Politik, Militär, Wirtschaft: Amerika führt. Und die Kultur? US-Massenware gedeiht im abgelegensten Weltwinkel. Amerikas Nobeluniversitäten können es jede für sich mit europäischen Staaten aufnehmen. Gut, bei Cellisten, Auto-Export und Geographie-Bildung halten wir noch mit. Dennoch: So viel Übermacht war nie. Für alle anderen, für Nicht-Amerika, stellt die Mega-Macht die schlichte Frage, was bleibt.

Teilhabe? Auflehnung? Unterhalb der Politik ist Amerika oft gut - wenn es um Pop, Konsum und Freiheit geht. Das ist es auch, was Amerika von einem Imperium unterscheidet. Die Neue Welt verstand sich stets in Abgrenzung zu Europa, als das bessere Andere. George W. Bush hat kürzlich gesagt, aus den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts sei „ein einziges nachhaltiges Modell für nationalen Erfolg hervorgegangen: Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft“. Das klingt missionarisch. Es ist universalistisch. Doch eben diese felsenfeste Überzeugung, dass Amerika etwas hervorgebracht hat, was erwiesenermaßen ideal für alle wäre, ist etwas ganz anderes, als der aggressive Impetus des Imperialismus. Letztlich vertraut Amerika auf weiche Macht, nicht harte. Nur gibt es eben Phasen, in denen harte dominiert. Wenn 2001 das Jahr war, in dem der Terror die USA schockte, so war 2002 das Jahr, in dem Amerika Bush das Mandat gab zu kämpfen. 2003 werden wir die Folgen sehen. In Bagdad.

Solche Dominanz löst Reaktionen aus. Partner stehen im Verdacht, sich in einem Anbiederungs-Wettbewerb zu befinden. Tony Blair als Bushs Pudel ist die beißendste Kritik hieran. Doch was wäre besser als die Solo-Macht? Die prekäre Balance zwischen zwei Mächten? Das hatten wir im Kalten Krieg. Seine Lehrlingszeit hat der außenpolitische Novize Bush damit verbracht, sich auf China einzustellen. Denn in Peking vermutet Washington den erwachenden Rivalen, jene Macht, die Amerika dereinst Paroli bieten wird. Der 11. September hat die Prioritäten vertauscht. Die aktuelle Bedrohung, nicht die künftige, steht oben an.

Keine Macht? Zumindest keine, die auch mit Waffen Ansprüche geltend macht? Europa ist auf diesem Weg. Intern klappt es wunderbar. Die Grenze liegt da, wo aufklärerische Post-Nationalisten mit ihrem Vertrauen auf Institutionen und Völkerrecht auf jene stoßen, die es anders sehen. Wenn die weit weg leben, in Pjöngjang oder Riad, ist Europa versucht, sich zu ducken. Wenn sie nah sind, gar Teil Europas, droht das Fanal völliger Hilflosigkeit, droht Srebrenica.

Die Welt hat es nicht leicht mit ihrer Übermacht. Es gibt viele, die sich dem Amalgam aus Kapitalismus, Globalisierung und Freizügigkeit lieber nicht ausgesetzt sähen. Hier indes ist Amerika oft eher Sündenbock denn Täter. Die USA sind auch deshalb das Ziel des Terrors geworden, weil Amerika ein so wunderbar großes, offenes Gefäß ist, in das sich an Abneigung, kaschierter Bewunderung, Widerwillen und Hass alles hineinlegen lässt, was im einen oder anderen Erdenwinkel ausgebrütet wird. Dieses Widersprüchliche im Verhältnis der Rest-Welt zu den großen USA ist fühlbar. Wir sehen im Kino gern US-Filme und ärgern uns, dass im Kino so viele US-Filme laufen. Wir studieren gern in Amerika und ärgern uns, dass es zum guten Ton gehört, in den USA studiert haben zu müssen. „Wir hassen unser Paradies", hat eine Schriftstellerin aus Pakistan diese Zerrissenheit einmal beschrieben.

In Wirtschaftskraft, Bevölkerungszahl und Lebensart liegt Europa nicht wirklich zurück. Es sind allein unsere Ansprüche oder besser: die nicht gestellten Ansprüche, die uns unseren Platz zuweisen. Amerika ist heute der Name einer Herausforderung an Europa. Wenn wir weltpolitikfähig würden, wäre vieles entkrampft. Weltpolitikfähig bedeutet nicht, dass wir mit Truppen jeden Krisenbrand austreten. Es bedeutet, dass Berlins Politik Nordkoreas Raketen oder Algeriens Islamisten als Problem wahrnehmen müsste. Als unseres. Als lösbares.

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