Politik : „Das Verständnis sinkt“

Seouls Vize-Vereinigungsminister Kim über Aggression des Nordens und Desinteresse im Süden.

Foto: promo
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Was würde ein dritter nordkoreanischer Atomtest für die Situation auf der koreanischen Halbinsel bedeuten?

Ein neuer Test würde den Frieden massiv bedrohen. Denn mit wachsender Anspannung steigt die Gefahr von militärischen Zwischenfällen. Deshalb hat Südkorea – wie auch unsere Nachbarländer und der UN-Sicherheitsrat – sehr deutlich gemacht, dass wir gegen einen Test sind.

Pjöngjang hat Südkorea mit einem „Heiligen Krieg“ gedroht. Wie interpretieren Sie diese martialische Rhetorik?

Nordkorea hat sich auch in der Vergangenheit immer wieder aggressiv geäußert. Jetzt hat das Land mit Kim Jong Un einen neuen, jungen Führer. Ich glaube, dass diese aggressive Wortwahl vor allem nach innen wirken und den Zusammenhalt stärken soll. Allerdings machen wir uns schon Sorgen, ob die kriegerischen Worte nicht doch in die Tat umgesetzt werden und eine militärische Aggression auf der Halbinsel auslösen. Wir tun alles, um das zu verhindern – aber wir müssen uns auch darauf vorbereiten.

Wie schätzt man auf südkoreanischer Seite die Position von Kim Jong Un ein?

Es ist sehr schwer, objektive Informationen aus Nordkorea zu erhalten. Aber die Machtübergabe von Kim Jong Il an seinen Sohn Kim Jong Un scheint relativ erfolgreich abgeschlossen worden zu sein. Er hat jetzt alle höchsten Ämter in der Partei sowie im Militär inne – wie sein toter Vater. Ob seine Position aber gesichert bleibt, hängt davon ab, ob er die Wirtschaftskrise lösen und die internationale Isolierung überwinden kann.

Wird Seoul ihn dabei unterstützen?

Es hat viele Angebote und wirtschaftliche Hilfsinitiativen der Nachbarstaaten gegeben, um Nordkorea einen Atomwaffenverzicht schmackhaft zu machen. Aber diese Bemühungen waren nicht effektiv. Nordkorea hat am Verhandlungstisch Zusagen gemacht und sich dann nicht daran gehalten. Es gab sogar eine gemeinsame Erklärung zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel, bei den letzten Sechsparteiengesprächen hat sich Pjöngjang gegen Atomwaffen ausgesprochen, aber dem sind keine Taten gefolgt. Bevor die Sechsparteiengespräche weitergehen, sollte Nordkorea deshalb seine Ernsthaftigkeit demonstrieren, indem es auf einen Atomtest und auf Atomwaffen verzichtet, die Wiederaufbereitungsanlage und sein Urananreicherungsprogramm stoppt und internationale Inspektoren ins Land lässt.

Mit was für Szenarien arbeiten Südkoreas Regierung und vor allem Ihr Ministerium mit Blick auf Nordkorea?

Darüber kann ich nicht offiziell sprechen. Aber wir möchten auf jeden Fall eine friedliche Vereinigung erreichen. Austausch und Zusammenarbeit sollten gestärkt werden, damit auch das Verständnis zwischen den Bürgern wächst. Leider ist die Realität derzeit eine andere. Die Armut in Nordkorea und die Menschenrechtslage verschlimmern sich immer weiter. Das ist nicht das, was wir wollen. Aber Nordkorea hat auf unsere Dialogangebote nur aggressiv reagiert. Das tut mir wirklich sehr leid.

Was will denn die südkoreanische Bevölkerung? Kann sie sich eine Vereinigung überhaupt noch vorstellen?

Nach Umfragen sind zwischen 70 und 80 Prozent der Südkoreaner für eine Vereinigung, viele wären bereit, dafür eine gewisse Last zu tragen. Aber je jünger die Menschen sind, umso weniger interessiert sie das Thema. Unter Schülern zum Beispiel unterstützt nur noch die Hälfte die Wiedervereinigung. Das ist besorgniserregend. Wir haben deshalb jetzt an Schulen Kurse eingerichtet, in denen die Notwendigkeit der Wiedervereinigung gelehrt wird, was Süd- und Nordkorea tun sollten, und über die Situation in Nordkorea gesprochen wird.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

Kim Cheon Sik

ist Vize-Vereinigungsminister Südkoreas. Er ist einer der erfahrensten Nordkorea-Experten und der südkoreanische Unterhändler, der Kim Jong Il am häufigsten getroffen hat.

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