Politik : „Das war kein Klamauk“

Vor 20 Jahren sind die Grünen in den Bundestag eingezogen. Ihre Ziele sind geblieben – die Methoden sind andere

Hans Monath

Krista Sager hat sich schon damals ein bisschen gewundert. Zwar war die Grünen-Politikerin stolz, als am 29. März 1983 die ersten Abgeordneten ihrer jungen Partei in den Bundestag einzogen. „Bei einigen Männern habe ich aber schon ein bisschen geguckt“, erinnert sich die heute 49-jährige Chefin der Grünen-Fraktion an die Bilder ihrer Vorgänger, die teils in Latzhose und mit Rauschebart durch Bonn zogen, bevor sie ihre Plätze im Bundestag einnahmen. „Als Hamburger Großstädter“, so meint Sager, damals eines von zwölf Vorstandsmitgliedern ihres Grünen-Landesverbands, „hatten wir schon vor 20 Jahren ein entwickeltes Stilbewusstsein“.

Noch überraschender aber war der erste Auftritt der 27 frisch gewählten Abgeordneten vor zwanzig Jahren für den Rest der Republik. Deren Nachfolger unterscheiden sich heute kaum mehr von anderen Bundestagskollegen. Damals demonstrierten die Vertreter der Protest- und Bürgerbewegung nicht nur durch Habitus und respektloses Verhalten, dass eine „Antiparteien-Partei“ (so Gründungsmitglied Petra Kelly) in den parlamentarischen Betrieb einzog, der auf Störungen nicht vorbereitet war. Mit einem Baum von der Startbahn West, einer dem Waldsterben zum Opfer gefallenen Schwarzwald-Tanne und einem Gummiball-Globus machten die Neuen auch sinnlich fassbar, wofür sie kämpfen wollten: Umweltschutz, Anti-Atom-Politik, weltweite Gerechtigkeit und Frieden.

„Das war kein Klamauk“, erinnert sich die Bundestagsabgeordnete Christa Nickels. Die Abgeordneten der Union sahen das freilich anders, reagierten „entsetzt und empört, als wenn jemand bei denen um Mitternacht in ihr Haus einbricht“ (Nickels). Die Konservativen fühlten sich auch dadurch provoziert, dass die Neuen so viele Frauen aufgeboten hatten, viele zischten zotige Bemerkungen. Die Förderung von Frauen war schon damals ein zentrales Ziel der heterogenen Gruppe.

Immerhin fünf Abgeordnete der ersten Fraktion sind noch oder wieder im Bundestag – wenn auch nicht mehr alle bei den Grünen. Otto Schily, 1983 noch einer von drei Sprechern der Fraktion, wechselte sechs Jahre später zur SPD. Joschka Fischer, den der „Spiegel“ damals als „einen seit Apo-Zeiten geübten Redner“ beschrieb, brachte es zum Vizekanzler, Antje Vollmer ist Bundestagsvizepräsidentin, Marieluise Beck Integrationsbeauftragte der Regierung. Christa Nickels, zwischendurch Gesundheits-Staatssekretärin, ist wieder kirchen- und menschenrechtspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Während die Partei in zwanzig Jahren Dogmen wie das Rotationsprizip loswurde und in heftigen Flügelkämpfen „Fundis“ oder Radikalpazifisten verlor, sieht Nickels zentrale Ziele noch immer ungebrochen: Die ökologische Frage habe „historischen Maßstab“, in der Frauenförderung sei die Partei Vorreiter, trotz Zustimmung zu zwei Kriegen setze sie wie keine andere Partei auf die Entwicklung „gewaltfreier Konfliktlösungskräfte“.

Dass die Erfolgsgeschichte die Partei auch stark verändert hat, gibt Nickels gerne zu: „Wenn Sie in Strukturen reingehen, verändern Sie Strukturen“, sagt sie im Rückblick: „Sie verändern sich aber auch selber.“

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