Politik : „Das war zum Gänsehautkriegen“

EU-Kommissionschef Romano Prodi über den Opernabend mit dem Kanzler in Verona und Berlusconis Politik

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Herr Prodi, wie werden Sie den Abend mit dem deutschen Kanzler in Erinnerung behalten?

Als sehr angenehm und bewegend. Und das ist keine rhetorische Floskel. Als in der Arena die deutsche Hymne angestimmt wurde, gab es genauso viel Applaus wie für die italienische. Und die Menschen haben mitgesungen. Das war zum Gänsehautkriegen. Als wir dann durch Verona gegangen sind, hatten wir wirklich das Gefühl, uns in einer zweisprachigen Stadt zu bewegen. Dagegen zählt alles andere nichts.

Wie erklären Sie sich dann die überraschende Entscheidung von Regierungschef Silvio Berlusconi, an so einem schönen Abend nicht dabei sein zu wollen?

Ach wissen Sie, das Gefühl der Leute war so stark, dass alles andere zweitrangig war. Sie müssen bedenken, dass die Reaktionen spontan waren. Die 15 000 Eintrittskarten für die Arena waren schon verkauft, bevor bekannt wurde, dass sich Politiker aus Deutschland und Italien dort treffen würden.

Nach den jüngsten Verstimmungen zwischen Deutschland und Italien hat man hier Schwierigkeiten, die Politik Berlusconis und die innenpolitischen Ereignisse in Italien zu verstehen. Können Sie uns helfen?

Es überrascht mich nicht so sehr. Es gibt auch in Italien Menschen, die sich nicht erklären können, was gerade passiert. Und damit meine ich vor allem das Ineinandergreifen von politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie der Kontrolle über die Medien. Ich hoffe nur, dass dies nicht jenes System des Bipolarismo (ein in Konservative und Linksliberale aufgespaltenes ZweiLager-System, Anm. d. Red.) beschädigt, das für das Gleichgewicht des Landes so wichtig ist. Was die Beziehung zu Deutschland betrifft, möchte ich festhalten: Die Rolle Deutschlands ist über alle Maßen wichtig. Die sechs Gründungsmitglieder der EU haben neben ihrer großen politischen Verantwortung eine Aufgabe, die ich schon fast moralisch nennen würde. Wir brauchen also Beständigkeit in unseren Beziehungen. Europa braucht Verantwortungsgefühl.

Bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Schröder und Berlusconi hat der Kanzler am Samstag noch einmal bekräftigt, dass er das Paket zur europäischen Verfassung nicht noch mal aufschnüren möchte. Stimmen Sie ihm zu?

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass alle Mitgliedsländer das Paket annehmen, ohne vorher genau hineingeschaut zu haben. Es wird also einen Kampf geben. Aber ich gehe davon aus, dass man einen Kompromiss finden wird, der schon ziemlich nahe am Entwurf ist.

Libyen hat offenbar auch bei der Befreiung der deutschen Geiseln aus der Sahara geholfen. Trauen Sie dem Friedenswillen der libyschen Führung oder verstehen Sie das Misstrauen der Amerikaner?

Niemand ist der Auffassung, dass man gegenüber Libyen auf Vorsicht und eine aufmerksame Prüfung verzichtet. Aber viele Dinge haben sich dort verändert. Und ich denke, es ist für Europa, aber auch für die internationale Gemeinschaft von Bedeutung, dass Libyen wieder zu jenen Staaten zählt, die an friedfertigen, berechenbaren und ernsthaften Lösungen interessiert sind.

Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo.

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