Politik : „Das wird Opfer kosten“

Der CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen stimmt seine Partei auf einen Wahlsieg ein

Jürgen Zurheide[Bochum]

Das letzte Wort ist noch nicht ganz verhallt, als Joachim Reck schon aufspringt und mit weit ausholender Geste in die Hände klatscht. Die Delegierten im Saal verstehen das Zeichen des Generalsekretärs, in diesem Moment erheben sich viele Christdemokraten, der eine oder andere hält ein kleines blaues Schild in die Höhe: „NRW kommt wieder“ steht auf der einen, „Jetzt geht’s los“ haben sie auf die andere Seite geschrieben. Jürgen Rüttgers wartet den Jubel aber nicht ab, er geht zurück zum Vorstandstisch, um die eine oder andere Hand zu schütteln. Erst nach einer kleinen Weile wendet er sich wieder den Delegierten zu, aber er kommt nicht alleine; neben ihm steht plötzlich Karl Josef Laumann. Weil der Generalsekretär merkt, dass dieses Bild missverständlich sein könnte, ruft er die anderen Vorstandskolleginnen und Kollegen nach vorne auf die Bühne, und mit einem Male jubelt die ganze CDU-Spitze des Landes dem Parteivolk zu. Der Applaus dauert fünf volle Minuten.

Die CDU jubelt schon einmal vorab über den Sieg am 22. Mai im größten Bundesland. „Am Abend werde ich nach der ersten Hochrechnung erst ein Pils, dann ein Kölsch und anschließend noch ein Alt trinken“, hatte Jürgen Rüttgers kurz vorher siegessicher ausgerufen und dann noch hinzugefügt, „und dann bilden wir eine schwarz-gelbe Regierung“. Vorher hatte er fast eine Stunde lang auf die Rot-Grünen in Düsseldorf und Berlin eingeschlagen. „Solche Parteien wählt man nicht, solche Parteien wählt man ab.“ Den amtierenden Ministerpräsidenten Peer Steinbrück macht er für eine Million Arbeitslose, für mehr als 110 Milliarden Euro Schulden und fünf Millionen Stunden Unterrichtsausfall an den Schulen verantwortlich. Er verspricht die Wende: „Ich trau’ mir das zu, ich weiß wie das geht.“ Dass diese Aufgabe schwierig wird, erwähnt der Kandidat um so intensiver, je näher der Wahltag rückt. „Das geht nicht von heute auf morgen“, und, „das wird Opfer kosten“. Wenn die Menschen ihm nach 39 Jahren SPD-Herrschaft das Mandat erteilen, will er die Wirtschaft ankurbeln und vier Milliarden Euro einsparen – allerdings hat er sich dafür bis 2012 einen weiten Horizont gespannt. Die Partei ist dennoch dankbar und bestätigte Rütters mit 95,6 Prozent als Landesvorsitzenden. Nur 27 Delegierte stimmten mit Nein. Vor zwei Jahren hatte er nur 83,5 Prozent der Delegierten von seinen Qualitäten überzeugen können.

Für die Union ist der Sieg in Nordrhein-Westfalen nur der erste Schritt zum Machtwechsel in der Republik. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die CDU-Vorsitzende Angela Merkel an diesem Vormittag in die Jahrhunderthalle nach Bochum gekommen, um den Freundinnen und Freunden beizustehen. „Die 18 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen sind wichtig für Deutschland“, beginnt sie, und dieser Satz beschreibt nicht nur die wirtschaftliche Realität. Natürlich ist der 22. Mai auch in ihrem persönlichen Kalender ein wichtiges Datum: Gewinnt Jürgen Rüttgers, ist ihr die Kanzlerkandidatur kaum noch zu nehmen.

Hinter solche Überlegungen tritt die Frage, mit wem Jürgen Rüttgers eine mögliche Regierung bilden wird, völlig zurück. Trotz der inzwischen wieder guten Umfragewerte hat er bisher nur Josef Laumann als Ministerkandidaten benannt, ansonsten beliebt der Spitzenkandidat zu schweigen, wenn man ihn auf seine Mannschaft anspricht. In den Tagen vor dem Parteitag war Stephan Holthoff-Pförnter, der Anwalt von Altkanzler Helmut Kohl, genannt worden. Während Rüttgers’ Generalsekretär diese Variante als „Blödsinn“ abtat, gab der Spitzenkandidat zu, mit dem Mann gesprochen zu haben; Holthoff-Pförtner hat sich allerdings noch nicht entschieden, ob er dem Ruf Rüttgers’ auch folgen wird. Auch Angela Merkel sind die Spekulationen um das Rüttgers-Team nicht verborgen geblieben, Erhellendes kann sie allerdings auch nicht beitragen. Als sie ihre Rede beendet, ruft sie aus: „Es geht am 22. Mai um Jürgen Rüttgers, um Josef Laumann“, und nach einer kleinen Kunstpause fügt sie hinzu, „um viele andere.“

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