Politik : Das Wort zum Alltag

HUBER NEUER EKD-CHEF

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Von Gerd Appenzeller

Vor sechs Jahren ist Bischof Wolfgang Huber mit seiner Kandidatur für den Vorsitz des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland überraschend deutlich gescheitert. Der weithin unbekannte rheinische Präses Manfred Kock war ihm vorgezogen worden. Gestern wurde der Bischof von Berlin und Brandenburg mit einem Ergebnis zum Nachfolger Kocks gewählt, das in seiner Deutlichkeit fast den Charakter einer Wiedergutmachung für die Niederlage des Jahres 1997 hat. Irgendetwas muss sich in der evangelischen Kirche, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung von Wolfgang Huber, vielleicht auch an ihm selbst, geändert haben, dass sich die Verhältnisse so umkehren konnten.

Die 145-köpfige Synode ist ein kirchenpolitisch leicht überschaubares, in seinen Personalentscheidungen aber fast unmöglich zu berechnendes Gremium. Hier treffen politisch und kirchlich konservative Evangelikale auf sozialdemokratisch geprägte Repräsentanten von Landeskirchen, die im Miteinander, aber manchmal auch in einem verbissenen innerkirchlichen Gegeneinander, die ganze Vielfalt des deutschen Protestantismus widerspiegeln. Alle Gruppierungen gemeinsam plagt die Finanzkrise, viel mehr als noch vor sechs Jahren. Wo das Geld fehlt, wächst der Zwang zur Einigkeit, und manche früher hoch gelobte Pluralität offenbart sich, aus der Nähe betrachtet, als kaum mehr nachvollziehbar und sektiererisch.

Fast noch beherrschender allerdings ist eine Sinnkrise, die sich in der Forderung nach mehr Spiritualität Luft macht. Das Problem dabei: Der Begriff der Spiritualität kommt bei Luther nicht vor. Die evangelische Kirche konzentriert sich traditionell auf Bibel und Predigt. Das Schwärmerische ist ihr fremd bis zur intellektuellen Unterkühltheit. Die Menschen aber wollen gerade in unsicheren Zeiten Wärme, Zuwendung und Zuversicht. Emotionen zu wagen und zu ertragen war nie so recht die Stärke des praktizierten Protestantismus. Manfred Kock, der von sich selbst in erkennender Bescheidenheit sagte, er sei ein ruhiger Gaul an der Deichsel, befriedigte in seiner altväterlich-gütigen Weise diese Sehnsucht. Wolfgang Huber war schon damals eher der Vertreter eines Theologentypus, der Bekennen auch als aktives Einmischen verstand. Vielleicht ist er manchen Synodalen in seiner Eloquenz einfach unheimlich gewesen. Und der durchaus nicht frei von Heuchelei vorgetragenen Forderung nach persönlicher Bescheidenheit entsprach er auch nicht so recht. Zum ruhigen Gaul an der Deichsel taugt dieser Bischof wahrlich nicht.

Unverkennbar haben sich Synode und Kandidat in diesen Jahren aufeinander zubewegt. Huber ist bei aller Konsequenz duldsamer im Umgang geworden. Dass er einmal eine sozialdemokratische Bundestagskandidatur erwog und als „Linksprotestant“ abgestempelt war, ist Vergangenheit, wie vieles vergangen ist, was vor 20 Jahren noch Bedeutung hatte. Heute geht es um die Bewahrung des Sozialstaats in Zeiten knappen Geldes, um den Umgang mit ethnischen und religösen Minderheiten, um die Bewahrung oder Neuentdeckung eines protestantischen Wertekatalogs und moralischen Profils. Es geht eindringlich um ethische Fragen, unter denen der Embryonenschutz am Beginn und die Debatte über die Sterbehilfe am Ende des menschlichen Lebens steht.

Wenn die Wissenschaft an jenen Punkt gelangt ist, von dem ab alles möglich scheint, wird die Konfliktsituation zwischen dem, was man kann, und dem, was man darf, immer schärfer konturiert. Die deutschen Katholiken haben in Kardinal Lehmann einen beeindruckenden Denker und Formulierer. Eher unauffällig und durch die persönliche Autorität, nicht durch die des Amtes legitimiert, verdeutlichte Wolfgang Huber, zum Beispiel im Nationalen Ethikrat, schon länger die Positionen des deutschen Protestantismus. Künftig wird er dies in vielen Fällen mit Lehmann gemeinsam tun. Damit wächst das moralische Gewicht der Argumente beider im Bewusstsein der Politik. Kirche sei nicht politischer Akteur unter anderen, sagte Huber gestern, „sondern mischt sich um Gottes willen politisch ein“. Einer Gesellschaft, der alles nicht schnell genug geht, tut dieser Zwang zum Nachdenken und Innehalten gut.

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