Politik : „Dass Ärzte lieber in den Städten bleiben, ist nicht unsere Schuld“

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung über Medizinermangel, dessen Ursachen – und mögliche Gegenmaßnahmen

Andreas Köhler
Andreas KöhlerFoto: dpa

Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben den Auftrag, ärztliche Versorgung zu sichern – überall im Land. Haben sie versagt?

Da wir uns Ärzte nicht selber backen können, sind wir darauf angewiesen, dass es genug niederlassungswillige Haus- und Fachärzte gibt. In den nächsten fünf Jahren gehen 70 000 Ärzte in den Ruhestand, diese Stellen müssen wir nachbesetzen. Das ist vor allem deshalb ein Riesenproblem, weil wir die Ärzte nicht haben.

Wie kann das sein? Es gab noch nie so viele Mediziner in Deutschland.

Die sind aber nicht alle niederlassungswillig. Seit drei Jahren zum Beispiel sinkt die Zahl der Hausärzte. Und auch die der Fachärzte in der Grundversorgung hat sich um zwei Prozent verringert. Von daher kann ich nicht bestätigen, dass es genug Mediziner für die Versorgung in der Fläche gibt.

In den Großstädten treten sich die Ärzte nach wie vor auf die Füße …

Das ist richtig, wir haben auch ein Verteilungsproblem. Aber das ist nicht unsere Schuld. Dass Ärzte lieber in Ballungszentren bleiben, liegt an vielen Dingen. Ihnen ist es wichtig, ihre Kinder auf gute Schulen schicken zu können. Sie wollen dort praktizieren, wo auch ihr Partner berufstätig sein kann. Abschreckend sind die Notdienste. Wer auf dem Land tätig ist, muss jede zweite Nacht raus. Das zermürbt. Außerdem wollen viele nicht Einzelkämpfer sein und auf den Austausch mit Kollegen verzichten. Ärzte sind sogar bereit, weniger zu verdienen, wenn sie dafür an attraktiven Standorten praktizieren dürfen. Nach einer Studie der Universität Leipzig müssten wir einem Arzt, um ihn aufs Land zu locken, monatlich 8400 Euro mehr zahlen. Das verkraftet unser System nicht.

Gesundheitsminister Rösler schlägt vor, freiwerdende Arztpraxen in überversorgten Städten nicht wieder zu besetzen …

Wir müssen Anreize schaffen, um die Versorgungsplanung wirklich flexibel gestalten zu können. Dazu kann es gehören, dass in einer überversorgten Region eine Kassenärztliche Vereinigung die Praxis eines Arztes aufkauft – nämlich dann, wenn dieser Schwierigkeiten hat, überhaupt einen Käufer zu finden oder einen halbwegs adäquaten Preis zu erzielen. Umgekehrt fordern wir aber weiterhin, dass wir in unterversorgten Gebieten Eigeneinrichtungen gründen dürfen. Damit können niederlassungswillige Ärzte in komplett eingerichteten Praxen arbeiten, ohne dass sie von vornherein das wirtschaftliche Risiko tragen müssen.

Hätte man nicht viel früher damit beginnen müssen, den Beruf des Haus- oder Landarztes deutlich aufzuwerten?

Ja, da gab es Versäumnisse. Zum Beispiel an den Universitäten. Da macht man lieber Grundlagenforschung als angehenden Ärzten zu erklären, wie ambulante Versorgung funktioniert. Es gibt viel zu wenig Lehrstühle für Allgemeinmedizin. Außerdem war die Tätigkeit von Landärzten lange Jahre sehr schlecht vergütet. Und die politische Kritik an den Ärzten und ihren berechtigten Forderungen hat auch nicht dazu beigetragen, dass sich Mediziner gerne niederlassen.

Kritiker behaupten, in der ärztlichen Selbstverwaltung würden die Haus- und Kinderärzte systematisch benachteiligt …

Von den 17 Kassenärztlichen Vereinigungen haben inzwischen elf einen Hausarzt als Vorsitzenden. Und wir haben die Position von Allgemeinmedizinern beständig gestärkt. Seit dem Jahr 2000 etwa ist die Vergütung getrennt. Das bedeutet: Ein Griff in die Taschen der Hausärzte durch Fachärzte findet nicht statt.

Was halten Sie denn von der verbindlichen Landarztquote, die Rösler vorschlägt?

Ob eine solche Quote rechtlich möglich ist, wird noch im Ministerium geprüft. Bei der Dimension der Versorgungsprobleme, die auf uns zukommen, muss man alle Instrumente zu nutzen versuchen. So wird man auch darüber reden müssen, ob die Abiturnote das allein Entscheidende sein soll für den Zugang zum Medizinstudium.

Und wenn das alles nicht fruchtet?

Dann hilft zum Beispiel Filialisierung, also die Versorgung durch Ärzte, die nur noch an bestimmten Tagen im Ort praktizieren. Oder Telemedizin, mit der man chronisch Kranke überwachen kann. Solche Versorgungsformen müssen wir forcieren. Denn bei allen Bemühungen: Wir werden es künftig nicht mehr schaffen, in jedem Dorf einen Hausarzt vorzuhalten.

Andreas Köhler (49) leitet seit 2005 die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Das Gespräch mit ihm führte Rainer Woratschka. In voller Länge finden Sie es unter: www. tagesspiegel.de/politik

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