Datenhandel : Wir bleiben digital naiv

Journalisten haben aus eingekauften Daten und Spuren im Internet persönlichen Profile rekonstruiert. Warum geben wir unsere Daten eigentlich kostenlos her? Ein Kommentar.

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50 konkrete Nutzer konnten die NDR-Reporter anhand der Datenpakete rekonstruieren. Foto: Felix Kästle/dpa
50 konkrete Nutzer konnten die NDR-Reporter anhand der Datenpakete rekonstruieren.Foto: Felix Kästle/dpa

Natürlich ist das illegal: Identifizierbare und rekonstruierbare Daten zu verkaufen ist verboten - wie es auch illegal ist, sie zu persönlichen Profilen über Lebensgewohnheiten und -umstände wieder zusammenzubauen und zu nutzen, ob wirtschaftlich oder kriminell. Jeder Mensch hat ein Recht auf seine Daten - zu wissen, wo sie sind, wer sie hat und was damit geschieht. Und natürlich hat jeder ein Recht auf Intim- und Privatsphäre. Soweit die Theorie.

Dass die Wirklichkeit längst anders aussieht, hat das so heikle wie verdienstvolle Experiment von NDR-Reportern jetzt einmal sehr konkret, plastisch und, ja, höchst persönlich vorgeführt: Daten gekauft, Daten gelesen, Daten verknüpft - und daraus die Vorlieben, Aufenthalte, Lebenspläne, beruflichen Geheimnisse, die wirtschaftliche Situation konkreter Menschen und Firmen abgeleitet.

Unser Umgang mit Daten ist weder routiniert noch souverän - und juristisch geregelt ist er auch längst noch nicht, von der Um- und Durchsetzung der Datenschutzrechte mal ganz zu schweigen. Die technische Entwicklung der Möglichkeiten dazu ist viel rasanter als die kulturtechnische Fähigkeit von uns allen, damit adäquat umzugehen. Wir bleiben digital naiv.

Digitalisierung verändert uns

Unter Netzpolitikern und Digital Natives aber gilt seit Langem ein sehr kurzer, richtiger Satz: "Digitalisierung ist". Sie ist nicht zu stoppen, sie wäre noch zu gestalten - aber sie ist längst Grundlage unseres wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und zunehmend wohl auch emotionalen Lebens und Tuns. Und sie verändert uns.

Die richtigen, die besseren Geräte und Programme nutzen, die faireren Firmen auch, Gesetze schaffen und anwenden - vor allem: datenbewusst und datensparsam leben, das ist alles richtig. Aber all das führt uns auch nicht mehr zurück in eine datenpolitische und datensoziale, vordigitale Unschuld. Wie das Internet (der Ticketautomat, das Telefon, der Versandhandel, der Chatroom) keine Mode ist, ist sein Missbrauch auch nicht bloß ein außergewöhnliches Missgeschick. Das alles hat und ist System, und zwar ein sich ständig wandelndes.

122 Milliarden Euro für Datenanalysen

Es ist etwas anderes, ob eine noch so flüchtige oder anonyme Bekanntschaft mein freizügiges Vertrauen missbraucht - oder ob dieser Missbrauch meiner Identität durch Staaten, Parteien oder Unternehmen institutionalisiert und operationalisiert werden kann, die mein Privatestes benutzen. Das ist das Neue: Diese Möglichkeit ist jetzt konkret erwiesen.

Wir werden also wieder mehr Offenheit und Authentizität lernen müssen - und vielleicht auch, eben nicht alles überall im Netz (und ins Netz) zu tun. Und noch mehr Klarheit darüber, dass man überall sehen könnte, was wir zeigen. Dass gerade dieser Tage Europas Digitalkommissar jammert, weil Worte und Bilder seines öffentlichen Redens öffentlich auf Youtube dokumentiert werden, ist eine treffliche Ironie. In einem hat Günther Oettinger ja aber recht: Seines Kontextes beraubt ist im Netz fast alles ganz schnell - wenn es nur irgendjemand so will.

Was ist der Preis für die Daten, die wir der Wirtschaft überlassen? Ist der mit digitalen Bequem- und Annehmlichkeiten schon bezahlt? 122 Milliarden US-Dollar Umsatz sollen 2015 laut einer Studie mit Daten und deren Analysen gemacht worden sein. Es wird Zeit, dafür auch den Preis des Rohstoffs zu definieren - und zu erheben. Wir Datenproduzenten schenken unsere Wege durch die Stadt und durchs Netz, freizügige Bilder und Gefühle, die Erwartbarkeit unserer Entscheidungen, unsere Durchschaubarkeit ja her.

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