Politik : David will Goliath kaufen

NEUE FUSION

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Von Dieter Fockenbrock

Das Spiel beginnt von neuem. Börsen, Manager und Investmentbanker sind aus ihrer tiefen Depression erwacht. Sie trauen sich wieder an den Umbau der europäischen Industrie heran. Vier Jahre nach der spektakulären Übernahme des MannesmannKonzerns durch den britischen Mobilfunker Vodafone kündigt der französische Pharmakonzern Sanofi eine Attacke auf seinen Konkurrenten Aventis an. David will Goliath kaufen. Und damit auch ein Stück deutscher Industriegeschichte, denn Aventis ist zur Hälfte die alte Hoechst. Sanofis Angriff auf Aventis markiert aber nicht nur eine Trendwende in der Pharmabranche. Mit dem milliardenschweren Übernahmeversuch überwindet Europas Industrie ihre jahrelange Lethargie. Die Sanierer und Kostendrücker planen wieder für die Zukunft.

Sanofi will Aventis nicht übernehmen, weil beide marode sind – zusammen könnten sie einen neuen Pharmakonzern bilden, der auch in Zukunft in der Lage wäre, die immer teurer werdende Entwicklung von Medikamenten zu finanzieren. Außerdem passen die beiden Konzerne gut zusammen. Sanofi hat eine prall gefüllte Forschungspipeline, Aventis weltweit ein schlagkräftiges Vertriebsnetz. Das alles spricht für eine Fusion.

Die Branche steht nicht allein. Auch Banken haben nach langer Pause Umbaubedarf. Fusionen und Übernahmen gehören dazu, um Vorteile durch Größe zu realisieren oder attraktive Geschäfte zu kombinieren. So haben die deutschen Banken den lange vernachlässigten Privatkunden entdeckt. Hinter den Kulissen läuft deshalb die Suche nach Allianzen und Partnern auf Hochtouren – und große Auslandsbanken wollen unbedingt einen Fuß auf den deutschen Markt setzen. Großfusionen im Bankensektor sind in Reichweite. Selbst die erfolgreichen deutschen Autohersteller werden sich mit dem Thema Fusionen befassen müssen. Branchenkenner sind sich darin einig, dass weltweit nur eine Hand voll Hersteller überleben wird. Und darunter sind nicht zwangsläufig die vier deutschen Autobauer. Denn die Auslandskurrenz ist stark und könnte Volkswagen und Co. an den Fusionstisch zwingen.

Die meisten Manager haben in den letzten Jahren zu viel Zeit darauf verwendet, ihre Kosten zu senken und Arbeitsplätze zu streichen. Nur wenige wagten den Blick nach vorn. Die Wirtschaft war wie gelähmt. Jetzt haben sie neuen Mut gefasst. Die ungewöhnlich lange Konjunkturflaute ist überwunden, die Gewinnaussichten der Unternehmen steigen. Und die kräftig anziehenden Aktienkurse machen es ihnen leichter, Übernahmepläne zu schmieden. Und: Deutsche Unternehmen sind attraktiv, weil sie im Vergleich der internationalen Börsen immer noch unterbewertet sind.

Das alles weckt Erinnerungen an die goldenen Zeiten des Booms Ende der 90er Jahre. Damals stopften sich große wie kleine Aktionäre die Taschen mit Geld voll. Schon Gerüchte über mögliche Fusionen jagten die Aktienkurse in die Höhe. Selbst Mannesmann-Aktionäre, die erst auf den letzten Drücker aufgesprungen waren, verdreifachten innerhalb weniger Monate ihre Vermögen.

Das neue Milliardenpoker in der Pharmaindustrie weckt aber auch Erinnerungen an die Ängste der Beschäftigten, an unfähige und raffgierige Manager und vor allem an die maßlosen Übertreibungen der Börsen und Berater. Mannesmann wurde am Ende mit 180 Milliarden Euro bewertet – heute würde das niemand mehr für eine Mobilfunkfirma mit angeschlossener Röhrenfertigung bezahlen. Aber auch Aventis ist schon im ersten Anlauf mit stolzen 48 Milliarden Euro bewertet. Die viel kleinere Sanofi könnte sich verschlucken.

Fusionen sind kein Selbstzweck. Sie lösen Probleme, sie bringen aber auch neue. Fusionen richtig zu managen, ist ein Kunststück, weil es Sieger und Verlierer gibt, weil nicht nur die Produkte, sondern auch die Menschen zusammenpassen müssen. Jeder zweite Zusammenschluss scheitert. Wiederholen die Manager und ihre Berater in den Investmentbanken und den großen Rechtskanzleien ihre Fehler aus den Boomzeiten, dann werden nicht nur ihre „Deals“ platzen. Dann werden auch Börsen und Konjunktur Schaden nehmen.

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