Davos : Forum der Verlierer

Es gibt Hummer und Champagner, wie jedes Jahr – doch den Gästen des Weltwirtschaftsforums ist der Appetit vergangen. Staatsführer, Bankbosse, Konzernchefs, alle geloben lautstark, den Gürtel enger zu schnallen.

Moritz Döbler[Davos]
Davos Weltkarte
Eine Besucherin probiert in Davos eine interaktive Karte aus. -Foto: dpa

Er trägt einen schlecht sitzenden schwarzen Anzug und einen ungepflegten weißen Dreitagebart. Er ist übergewichtig, und zwischen Socken und Hose schimmern seine blassen Beine. Doch das spielt keine Rolle. Ihm, nur ihm applaudieren die Millionäre und Milliardäre, die Manager und Unternehmer an diesem Morgen im großen Saal der Kongresshalle von Davos.

„Wenn diese Krise uns nicht ändert“, sagt er, „dann waren all die Panik und das Elend, das sie hervorgerufen hat, überflüssig.“ Jim Wallis heißt der Mann, er ist ein 60 Jahre alter evangelischer Prediger aus Washington. Neben ihm auf dem Podium sitzen bedeutende Menschen aus der Welt der globalen Wirtschaft, aber er allein bekommt den Applaus. „Wir haben der unsichtbaren Hand zu sehr vertraut“, zitiert er einen Begriff, den Adam Smith einst für die Kräfte des Marktes geprägt hat. „Aber die unsichtbare Hand hat losgelassen.“

Ein rätselhafter, widersprüchlicher Ort ist das Weltwirtschaftsforum im Jahr der voraussichtlich tiefsten Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren. Äußerlich hat sich nichts geändert: Die Reifen schwerer Limousinen und Geländewagen knirschen durch den Schnee, es gibt immer noch Hummer und Champagner, und im Hotel „Belvedere“ müssen Gastgeber einen Tisch auch diesmal Monate im voraus bestellt haben.

Das Mondäne des jährlichen Treffens am Fuß des Zauberbergs in den Schweizer Alpen stand stets im Kontrast zu dem Anspruch, hier solle die Welt verbessert werden: „Committed to Improving the State of the World“, so steht es auch in diesem Jahr auf den Plakaten. Doch beim 39. Weltwirtschaftsforum, zu dem 2500 Teilnehmer aus mehr als 90 Ländern gekommen sind, geht es wirklich ums Ganze, denn mit der Welt und ihrer Wirtschaft geht es bergab. Der Internationale Währungsfonds hat gerade verkündet, dass in diesem Jahr weltweit nahezu kein Wachstum mehr zu erwarten ist. Statt 2,2 Prozent, wie noch vor einem Vierteljahr vorhergesagt, werde das globale Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,5 Prozent wachsen. Der Unterschied macht fast eine Billion Dollar aus.

Die Lage ist ernst, und dazu passt, dass der Gründer und private Veranstalter des Forums, der Deutsche Klaus Schwab, gegen sein eigenes, vor Jahren verhängtes Krawattenverbot verstößt und nun konsequent mit Schlips auftritt. Die meisten Manager tun es ihm gleich, auch Schwabs engste Mitarbeiter legen nach und nach Binder an. Die Krise hat den Dresscode verändert.

Im roten Samtsakko tritt am Freitagnachmittag Angela Merkel vor das Publikum, seit vielen Jahren ist sie regelmäßiger Gast in Davos. In ihrer gut 20-minütigen Rede fordert sie ein Nachdenken darüber, wie es die Welt künftig vermeiden kann, über ihre Verhältnisse zu leben. Als Modelle empfiehlt sie die soziale Marktwirtschaft „made in Germany“ und den europäischen Stabilitätspakt. Von einem dritten Weg zwischen ungezügeltem Kapitalismus und Sozialismus spricht Merkel, und regt eine globale Charta des nachhaltigen Wirtschaftens an.

Applaus erntet die Kanzlerin erst recht, als sie um Verständnis dafür bittet, dass ihre Rede „vielleicht ein bisschen visionär“ sei. Visionen sind am Zauberberg gefragt, die Rede passt in Ton und Inhalt bestens nach Davos. „Die Welt hat schon ganz andere Herausforderungen gemeistert“, sagt Merkel. „Nichts ist unmöglich.“ Slogans statt Selbstkritik – von Zweifeln ist hier nicht viel zu spüren.

„Wir alle sind Teil des Problems“, sagt dagegen ein kanadischer Unternehmer, der ein verzweigtes, mehr als 100 Jahre altes Familienimperium leitet und zum 19. Mal nach Davos kommt. Er ist einer der reichsten Männer Kanadas, seinen Namen mag er nicht in der Zeitung lesen, aber er hält sich nicht zurück. „Was für ein verfluchtes Durcheinander“, schimpft der 60-Jährige, der zum Nadelstreifenanzug schwere Winterstiefel trägt. „Aber es gibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen positiv denken. Wir müssen durch diesen dunklen Tunnel durch.“ Gerade hat er ein Unternehmen dicht gemacht und einen zweistelligen Millionenbetrag versenkt – aber für ihn zählt jetzt nur noch die Zeit nach der Krise.

Er ist mit dieser Haltung nicht allein. Schon die Einladungskarten für Davos verheißen ein Leben nach der Wirtschaftskrise: „Shaping the Post-Crisis World“, so lautet der diesjährige Titel des Forums, das am Sonntag zu Ende geht. Während die Krise immer neuen Höhepunkten entgegensteuert, geht es hier längst um die Zeit danach. „Die Stimmung ist düster. Aber die Leute haben aufgehört, über die Nachrichten zu sprechen“, erzählt Chris Dedicoat, der Europa-Chef des US-Netzwerkherstellers Cisco. „Stattdessen reden sie darüber, was sie tun wollen.“

Frühere Rezessionen habe man ausgesessen, um dann bald wieder genau das zu machen, was man immer gemacht habe. „Dieses Mal aber werden sich die Geschäftsmodelle für immer ändern“, sagt der 51-jährige Brite. Die Wirtschaft lerne gerade, langfristiger, nachhaltiger zu denken, nicht nur von Quartal zu Quartal, und vor allem werde sich Klimaschutz als Leitlinie durchsetzen. Dedicoat kann dieser Entwicklung etwas abgewinnen: Denn wenn Manager nicht mehr so viel reisen, weil sie Kosten und Kohlendioxid sparen wollen, dann brauchen sie leistungsfähige Netzwerke für Videokonferenzen.

Die Welt verbessern und dabei Geld verdienen – das ist immer noch die beste Lösung. Davos hält sich nicht mit der Frage auf, warum es zur Krise kam. Indra Nooyi, die Inderin an der Spitze des uramerikanischen Unternehmens Pepsi, bringt die Lage auf den Punkt. „Kapitalismus bedeutet die Erzeugung von Überfluss. Die Grenzen werden durch Wettbewerb, Werte und Regulierung bestimmt – und in allen drei Bereichen hat das nicht funktioniert“, sagt die 53-Jährige.

Die Systemfrage aber stellt sie nicht, die stellt niemand hier. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir anfangen, den Kapitalismus in Frage zu stellen“, sagt Nooyi. „Der Tod des Kapitalismus würde den gesellschaftlichen Fortschritt stoppen.“ Unternehmen müssten künftig nicht nur kurzfristigen Profitinteressen dienen, sondern auch wieder einen Sinn haben.

Was das für Pepsi heißen soll, heißen kann, sagt Nooyi nicht. Hat klebrige Koffeinbrause einen tieferen Sinn? Und es ist ja auch nicht so, dass es in den vergangenen Jahren an Leitbildern und Bekenntnissen zur gesellschaftlichen Verantwortung, an Mission Statements und Beschwörungen einer Corporate Responsibility gefehlt hätte. Trotzdem kam diese Krise, trotz all der schönen und richtigen Worte, trotz der jährlichen Treffen in Davos. Das ist der Grundwiderspruch in diesem Jahr, und er lässt sich nicht auflösen.

Wladimir Putin zelebriert ihn fast genüsslich. „Ich möchte Sie daran erinnern“, sagt der russische Ministerpräsident in seiner Eröffnungsrede, breitbeinig hinter dem Pult aufgebaut, „dass vor nur einem Jahr amerikanische Delegierte von diesem Podium aus die fundamentale Stabilität der US-Wirtschaft und ihre wolkenfreien Aussichten bekräftigt haben.“ Er werde die USA nicht kritisieren, kündigt Putin an – um dann zu fordern, dass die Welt sich von der Leitwährung Dollar abwenden und den Weg zu einer multipolaren Machtverteilung finden solle. Auch der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao zieht gegen die Dominanz des Dollars zu Felde – und bestimmt gemeinsam mit Putin die Schlagzeilen.

Dabei sind auch sie Verlierer, denn beim Davos-Treffen vor einem Jahr galt als ausgemacht, dass sich Schwellenländer wie China, Russland und Indien von der weltwirtschaftlichen Entwicklung abkoppeln könnten. Dieses Jahr zeigt, dass die Hoffnung eine Illusion war. „Wir können einander nicht entkommen. Scheidung ist keine Option“, sagt Bill Clinton trocken.

Vertreter der neuen amerikanischen Regierung fehlen. Obamas Wirtschaftsberater Lawrence Summers hat kurzfristig abgesagt, und so ist es vor allem Clinton, dieser Mann von gestern, der Amerika vertritt und Hoffnung stiftet. „Wenn wir damit durch sind, werden wir wieder ein Finanzsystem haben, mit dem man Geschäfte auf altmodische Art macht und in Güter und Dienstleistungen investiert“, sagt er. Wann es soweit sei, wisse er schon: Am 7. November um 3.15 Uhr sei die Krise vorbei. Es ist ein Witz, aber keiner lacht.

Der amerikanische Traum – das klingt in diesen Tagen nicht wie eine Verheißung. So muten die Banner seltsam an, die in Davos über die Straße gespannt sind. American Dream steht darauf, aber es ist nur Werbung für eine Eislaufgala am nächsten Wochenende.

Die Amerikaner fehlen – und die Banker auch. Es sind sogar so wenige da, dass Tony Blair um einen Sonderapplaus für Stephen Green bittet, den Chef der HSBC. „Wir sollten ihm gratulieren, als einem der Banker, die sich bei Tageslicht raustrauen.“ Da lachen alle, auch Green. Er warnt davor, das Potenzial einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte zu überschätzen. Der Ansatzpunkt müsse stattdessen sein, dass sich Werte langfristig auch im Börsenwert widerspiegeln. „Wir sind keine Wohltätigkeitsorganisationen“, sagt Green, „wir brauchen Gewinnwachstum – aber wir müssen nachhaltige Geschäfte machen.“

Josef Ackermann ist zwar auch da, doch der Deutsche-Bank-Chef hat sich eine komfortable Position verschafft: Nicht er muss Rede und Antwort stehen, er moderiert lediglich eine Podiumsdiskussion über Europa. Mit breitem Ackermann-Lächeln, aber zuweilen kaum hörbarer Stimme fragt er nach den Folgen der Kreditklemme, die er doch selbst am besten kennen sollte.

Die Banken müssen schnell von den faulen Krediten in ihren Büchern befreit werden, das hoch verschuldete Amerika ist der Welt auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, China und Russland fordern mehr Gewicht – das sind wohl die wichtigsten Botschaften, die von Davos in diesem Jahr bleiben. „Es ist eine neue Welt, aber wir müssen eine sehr alte Lektion lernen: dass Werte einen Unterschied machen“, sagt Tony Blair. Es klingt wie eine Feststellung. Aber es ist wohl nicht mehr als ein frommer Wunsch.

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