DDR-Debatte : Zum Beispiel Freiheit

In der Demokratie gehören selbst Bretter vor den Köpfen zu den Menschenrechten. Michael Jürgs über Aufklärung und Verklärung in der Debatte über die DDR.

Michael Jürgs
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Michael Jürgs.Foto: dpa

Wie könnten Gutmenschen West, beispielsweise Kolumnisten, Menschen Ost helfen, die das „Monster BRD“ ( O-Ton Ost) als so bedrohlich kalt empfinden, dass sie sich nach dem übel riechenden heißen Atem des Drachens DDR sehnen? Abschreckende Realitäten aus dem sozialistischen Alltag haben sie längst verdrängt, sie wollen, auferstanden aus Ruinen, im Gegenteil die Zeiten besingen, denen sie entronnen sind. Niemand allerdings verbietet ihnen wie einst die eigene Meinung, und sei die auch noch so eigenartig.

So einzigartig ist es mit der Freiheit. Es gibt sie zwar nicht geschenkt, sie muss erobert werden so wie 1989. Wer 2009 mit dem freiheitlichen System aber lieber fremdelt, darf dies in aller Freiheit tun. Linientreue war nur im anderen System Proletarierpflicht. Abweichler wurden misshandelt, verurteilt, ausgebürgert. Heute bekommen Kritiker des Systems stattdessen Sendezeit, ganz egal, wie absurd ihre Vergleiche – z. B. zwischen Stasi einst und GEZ heute gebe es keine Unterschiede – auch sein mögen. In der Demokratie gehören selbst Bretter vor den Köpfen zu den Menschenrechten.

Die Lehre von der Diktatur des Proletariats war drüben Pflichtfach in den Schulen. Die Bezeichnung Diktatur entsprach zwar den realen DDR-Zuständen, aber diesbezügliche Angriffe des Klassenfeindes wurden gekontert mit Gegenpropaganda, was lange Zeit nicht schwer fiel, weil im Westen bereits wenige Jahre nach der Befreiung Altnazis wieder an Schreibtischen tätig waren, als seien sie nie Schreibtischtäter gewesen.

Erst wenn der Kommunismus gesiegt habe, ideale Zustände auf Erden existieren, woran nicht zu glauben bei Strafe verboten war, sollte die Diktatur des Proletariats beendet werden. Mit dieser Theorie von Marx und Lenin legitimierte die SED 40 Jahre lang ihre Herrschaft, bis sich das Volk von ihr befreite.

Da Aufklärung offenbar nichts bewirkt gegen Verklärung, da die Zahl derer wächst, die eine menschenverachtende Vergangenheit des SED-Regimes schönfärben, obwohl ihre eigene Biografie darunter litt, muss gemein blühende Fantasie gegen Verdränger eingesetzt werden: Sollen sie doch in Gottes Namen nach Teheran reisen, wo die Freiheit von Ideologen der anderen üblen Art erstickt wird, sollen sie doch zum Teufel nach Nordkorea fahren, wo dank der Diktatur des Proletariats paradiesische Zustände herrschen. Renten werden aber nur überwiesen, falls die Unverbesserlichen zuvor schwören, dort zu bleiben.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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