DDR-Geheimdienst : Stasi-Akten: Schnipsel dauern etwas länger

Die computergestützte Wiederherstellung zerrissener Stasi-Akten wird sich deutlich länger hinziehen als geplant. 16.250 Säcke voller Aktenschnipsel hatte der DDR-Geheimdienst nach seiner Auflösung 1990 hinterlassen.

Matthias Schlegel
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Aus dem Zusammenhang gerissen. Stasiunterlagen werden im Fraunhofer-Institut in Berlin in einen Scanner geführt. Das Institut will...

Berlin - Die computergestützte Wiederherstellung zerrissener Stasiakten wird sich deutlich länger hinziehen als geplant. 16 250 Säcke voller Aktenschnipsel hatte der DDR-Geheimdienst nach seiner Auflösung 1990 hinterlassen. Nachdem die Reißwölfe bei der Aktenvernichtung heiß gelaufen waren, hatten die Stasileute die Dokumente zuletzt mit der Hand zerrissen, darunter nach Expertenmeinung Material über besonders brisante Fälle und Berichte über die damals aktuellen politischen Ereignisse.

Im Mai 2007 begann im Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) ein Pilotprojekt, mit dem zunächst der Inhalt von 400 Säcken gescannt und computergestützt zusammengesetzt werden sollte. Nach jahrelangen Bemühungen von Politikern, Fachleuten und Aufarbeitungsexperten hatte der Bundestag dafür 6,3 Millionen Euro bewilligt. Nach zwei Jahren – das wäre 2009 gewesen – sollte das Pilotprojekt abgeschlossen sein, und die Politik hätte entscheiden müssen, ob sie, daran anschließend, die groß angelegte Rekonstruktion sämtlicher Aktenschnipsel finanziert.

Jetzt musste die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Marianne Birthler, den Bundestag darüber informieren, dass das Institut die Aufgabe nicht im geplanten Zeitrahmen bewältigen könne. Nicht 2009, sondern „erst im zweiten Halbjahr 2011 oder im ersten Halbjahr 2012“ sei mit der Beendigung des Pilotprojektes zu rechnen, habe das IPK in einem Brief an die Bundesbeauftragte eingestehen müssen. Inhaltlich wollte Birthler diesen Rückschlag in den Aufarbeitungsbemühungen auf Anfrage nicht kommentieren.

Der zuständige Abteilungsleiter im Fraunhofer-Institut, Bertram Nickolay, sagte dem Tagesspiegel, schon 2008 habe sich abgezeichnet, dass man mit herkömmlicher Scannertechnik die Schnipsel mit ihrer komplizierten Struktur nicht genau genug erfassen könne, sondern dass dafür spezielle Scanner entwickelt werden müssten. Es sei dann klar gewesen, dass man mindestens dreieinhalb statt zwei Jahre bis zum Abschluss des Pilotprojekts brauchen werde. Überdies habe das Institut schon sehr früh manchen Experten auf diesem interessanten Forschungsgebiet ziehen lassen müssen, weil sich die politische Entscheidung über vier Jahre hingezogen habe.

Nickolay, der schon 2003 eine Machbarkeitsstudie der virtuellen Rekonstruktion von Stasiakten vorgestellt hatte, ist nach wie vor ihr leidenschaftlicher Verfechter: Das Projekt sei auf „optimalem Weg“. Entwickelt worden sei bereits eine Anlage, die nicht nur zerrissene, sondern auch geschredderte Dokumente zusammensetzen könne. Neben der Aufarbeitung von Stasiakten biete die Technologie eine Reihe weiterer, kommerziell hochinteressanter Anwendungsgebiete.

Seit 1995 arbeitet parallel dazu in Zirndorf bei Nürnberg eine Projektgruppe daran, Stasiaktenschnipsel mühselig per Hand zusammenzusetzen. Gegenwärtig sind noch acht Mitarbeiter damit befasst, anfangs waren es 24. Ein Mitarbeiter rekonstruiert durchschnittlich zehn Einzelblätter an einem Arbeitstag. Bislang wurde auf diese Weise der Inhalt von knapp 400 Säcken zu fast 900 000 Blatt zusammengefügt. Aus den wiederhergestellten Akten gewann die Stasiunterlagenbehörde neue Erkenntnisse über manch prominenten IM, über Staatsdoping oder die Ausbildung von RAF-Terroristen in der DDR.

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