DDR-Geschichte : "Erich, du bist abgesetzt"

Bei einem Vortrag im saarländischen Saarlouis versuchte das frühere Mitglied des SED-Politbüros Günther Schabowski mit alten Klischees aufzuräumen. Dabei hagelte es Kritik für "Die Linke" und Einblicke in den "inner circle" der ehemaligen DDR.

Daniel Kirch[dpa]
Günther Schabowski
Günther Schabowski spricht mit Schülern. -Foto: dpa

SaarlouisEines stellt der magere ältere Herr auf dem Podium in einem Offizierheim im saarländischen Saarlouis zu Beginn klar: Sein Vortrag solle kein historischer Rückblick sein. "Es ist zweifellos Geschichte, aber es ist Geschichte, die direkt in unsere Gegenwart hineinragt", erklärt Günter Schabowski, früheres Mitglied des SED-Politbüros und in der Endphase der DDR einer der Mächtigsten des Systems.

Ein paar Einblicke in den "inner circle" wolle er geben, sagt der heute 78-Jährige, der sich früh nach dem Mauerfall zu Mitverantwortung und moralischer Schuld bekannt hatte. Und mit einem Klischee aufräumen: Dass er mit einer beiläufigen Bemerkung in einer Pressekonferenz am 9. November 1989 aus "eigenem Ermessen" die Maueröffnung verkündet hätte, sei falsch. In einer Sitzung des SED-Zentralkomitees sei ihm von Egon Krenz der Entwurf einer Regierungsverordnung zur Reisefreiheit zugeschoben worden. "Guck dir das doch mal an, meiner Meinung nach ist das in Ordnung", soll Krenz ihm zugeflüstert haben. Und ihn gebeten haben, das Dokument im Anschluss in einer Pressekonferenz mit westlichen Journalisten vorzustellen.

Die entscheidende Sitzung am 17.10.1981

Schabowski, Klempnersohn und gelernter Journalist, plaudert vor den 80 meist ergrauten männlichen Zuhörern aus dem Nähkästchen der DDR-Führung. Im Spätsommer 1989, so berichtet er, hätten er und weitere Intriganten gegen Erich Honecker die Überlegung verworfen: "Wir gehen rein mit fünf Mann und sagen zu ihm: "Erich, du bist abgesetzt." Honecker müsste mit Mehrheit im Politbüro seines Amtes enthoben werden, entschieden die Umstürzler laut dem Vortragsredner.

Was sich bei der entscheidenden Politbüro-Sitzung am 17. Oktober 1989 abspielte, schildert Schabowski so lebendig, als sei es erst ein paar Tage her: "Honecker betritt kurz nach zehn den Sitzungssaal." Er habe jeden persönlich begrüßt. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich zu den Schurken gehörte, die gegen ihn konspirierten." Gleich zu Begin sei SED-Ministerpräsident Willi Stoph Honecker ins Wort gefallen und habe "ganz trocken" dessen Amtsenthebung gefordert. Da dem greisen Generalsekretär niemand zur Seite gesprungen sei, habe er am Ende "nach kommunistischer Ordenspraxis" für seine eigene Absetzung gestimmt.

"Abflussrohr für widerspenstige Sozialdemokraten"

Doch nicht bei allen Zuhörern stößt Schabowskis teils unterhaltender Vortragsstil auf Gefallen: Er wolle den Leuten weismachen, "wie toll das alles war", erregt sich eine Zuhörerin. Eine solche Interpretation lasse er sich nicht bieten, schäumt der ansonsten zurückhaltende Ex-SED-Funktionär. "Mir kommt der Kaffee hoch, wenn ich so was höre." Auf den indirekten Einwand eines Zuhörers, er wolle das System rechtfertigen, entgegnet Schabowski, er besitze nicht die "Schamlosigkeit, die DDR heilig zu sprechen".

Mehrfach leitet er bei solchen Vorwürfen geschickt zur aktuellen Politik über - und stichelt gegen die Partei "Die Linke": Er gehöre zu denen, die sich mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzten, sagt Schabowski, "wozu sich diese Edelmenschen nicht bereitfinden, obwohl sie ein gerüttelt Maß an Verantwortung für diesen Teil missglückter deutscher Geschichte haben". Den Chef der Linksfraktion, Gregor Gysi, nennt er einen "Quatschkopp", Oskar Lafontaine ein "Abflussrohr für widerspenstige Sozialdemokraten". Der Parteichef mache "die schlimmste Bankrottpartei, die wir alle noch erlebt haben", hoffähig. Da war sie wieder: die Geschichte, die in die Gegenwart hineinreicht.

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