DDR-Geschichte : Stasi-Mann Großmann: Wir haben Frieden erhalten

Umstrittene Tagung zur Geschichte der DDR-Auslandsspionage beginnt mit einer Selbstdarstellung

Odense Fünf Monate nach einer in Berlin abgesagten Tagung hat am Samstag im dänischen Odense eine Tagung zur Geschichte der Stasi-Auslandsspionage mit einer Selbstrechtfertigung begonnen. Zum Beginn der Veranstaltung wurde vor mehreren hundert Zuhörern, darunter ehemalige Häftlinge von DDR-Zuchthäusern ebenso wie etwa 60 frühere Mitarbeiter der sogenannten HV A, eine Erklärung von deren letztem Chef Werner Großmann, verlesen. Großmann hatte wegen Erkrankung abgesagt. In seiner Erklärung hieß es, die Auslandsaufklärung der Stasi habe bis zur Auflösung 1989/1990 „ihren Auftrag erfüllt, den Frieden zu erhalten“. „Wir haben nicht wie andere Geheimdienste Staatsstreiche, Ermordungen oder Entführungen durchgeführt.“ Die im Westen angeworbenen Geheimagenten seien „Kundschafter des Friedens“ gewesen.

Bei der Tagung unter dem Titel „Hauptverwaltung A - Geschichten, Aufgaben, Einsichten“ treten neben früheren Stasi-Mitarbeitern in der DDR sowie Ex-Spionen aus der Bundesrepublik wissenschaftliche Experten zur Geschichte der Geheimdienste im Kalten Krieg auf. Nach einem längeren Hin und Her hatte die Tagung des Zentrums für Studien über den Kalten Krieg eigentlich in Berlin stattfinden sollen, doch schon mit dem Datum gab es Ärger. Ausgerechnet am 17. Juni, dem Jahrestag des Arbeiteraufstandes in der DDR, sollte die Konferenz stattfinden. Erst zog die Stasiakten-Beauftragte Marianne Birthler ihren Referenten für die Tagung zurück. Birthler kritisiert, es sei anhand der Programmplanung nicht erkennbar, wie die Berichte der einstigen Stasi-Offiziellen „reflektiert werden sollen“. Kurz vor dem geplanten Termin kündigte die Max-Planck-Gesellschaft, der das vorgesehene Veranstaltungshaus gehört, kurzerhand den Mietvertrag. Deshalb disponierten die dänischen Wissenschaftler um und bereiteten die Tagung für diesen Samstag und Sonntag an der Süddänischen Universität im heimischen Odense vor.

Die Tagung verharmlose die SED-Diktatur

Auch die Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen hatte sich am Freitag erneut gegen die Tagung gewandt. Sie verharmlose die SED-Diktatur, sagte Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe am Freitag. Er habe keinerlei Verständnis dafür. Dem Organisator Thomas Wegener Friis mangele es offenbar an der notwendigen Sensibilität im Umgang mit Diktaturen. Das Argument, die Stasi-Offiziere seien Zeitzeugen, sei absurd. „Das ist so, als würde man Osama bin Laden und seine Mitarbeiter zu einer Terrorismustagung einladen.“

Die dänischen Historiker verstehen die Ablehnung des Vorhabens in Deutschland nicht. Es sei doch gerade das Anliegen, die Aussagen der einstigen Stasi-Oberen dem „kritischen Dialog“ der Experten aussetzen, argumentiert der Initiator der Veranstaltung Thomas Wegener Friis. In der Tat gehören zu den Referenten der Tagung nicht nur frühere Stasi-Vertreter wie Großmann oder der unter dem Decknamen „Topas“ im Westen aktive Stasi-Spitzel Rainer Rupp, sondern etwa auch der US-Wissenschaftler Nigel West. Nach Meinung von Wegener Friis drängt die Zeit für sein Vorhaben: „Viele der Akteure aus der damaligen Zeit sind relativ alt.“

Der Leiter des Berliner Stasi-Museums, Bernd Lippmann, hat sich, anders als seine Berliner Kollegen, für die Teilnahme an der Tagung entschieden. Er will den einstigen Stasi-Generälen nicht das Feld überlassen und wollte an diesem Wochenende in Odense auf dem Podium sitzen. Das Museum in der einstigen Stasi-Zentrale, offiziell „Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße“, hat sich die kritische Auseinandersetzung mit dem SED-Regime auf die Fahnen geschrieben. (dpa/AFP)

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