DDR im Oktober 1989 : Das Wunder von Leipzig

Zehntausende DDR-Bürger auf der Flucht. Unter den Dagebliebenen herrscht Angst vor einer chinesischen Lösung. Warum das befürchtete Massaker vor genau 20 Jahren ausblieb.

Tilman Steffen

"NND?", so begrüßten sich im Oktober 1989 morgens die Kollegen am Arbeitsplatz, die (noch) nicht gen Westen unterwegs waren: "Na, noch da?" In diesen Tagen bestimmte in der DDR die Frage nach Bleiben oder Gehen die Privatgespräche zwischen den Menschen, sofern sie einander trauten.

Die Bürger der DDR ließen sich in diesen Monaten in drei Gruppen teilen: Die erste Gruppe stellten die Ausreisekandidaten, die ihr Glück hinter dem löchrigen Stacheldrahtzaun im ungarischen Sopron oder in der Prager Botschaft vermuteten. Die Flüchtenden hinterließen ihre Autos in den Straßen um die deutsche Vertretung. Sie warfen Ballast im Wald entlang der Staatsgrenze ab: "Kinderwagen lagen in den Gebüschen, sie hinderten bei der Flucht", erinnert sich der damalige Pfarrer Heinz Eggert, der im ostsächsischen Gebirgsort Oybin 130 Meter von der Grenze entfernt wohnte.

Die zweite Gruppe bildeten die überzeugten "Hierbleiber", beseelt von der Überzeugung, Freiheit zu schaffen sei im eigenen Lande möglich. Der Mut der meist jungen, engagierten Menschen übertrug sich auch auf andere Bevölkerungsteile. Die Menschen zeigten erst in Kirchen, dann auf Straßen und Plätzen, dass dieser DDR-Staat nicht mehr ihr Staat war.

Und schließlich gab es noch die dritte Gruppe: die Gegner, die Bonzen, die SED-Staatslenker aus dem Berliner Staats- und Ministerrat, das allmächtige Zentralkomitee und deren engmaschiges Netzwerk bis in Schulen und Betriebe hinein.

Eine Zeitung hatten viele nur wegen des Lokalteils abonniert. Durch die ideologietriefende Bleiwüste der vorderen Seiten mochte sich keiner quälen. "Jeder hat in der DDR seinen Platz", textete die staatstreue CDU-Postille Die Union gegen die Fluchtwelle an. Es war die Ausgabe nach der offiziellen Jubelfeier zum Gründungsjubiläum der sogenannten Republik am 7. Oktober. Über drei Seiten zogen sich die Reden Honeckers und Gorbatschows hin, gehalten zum 40. Jahrestag der DDR. Der im DDR-Untergrund als der neue Reformator verehrte Russe sprach in Berlin auch vom begonnenen Wandel seines eigenen Landes. Honecker trommelte dagegen an: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!"

Doch abseits der großen Schlagzeilen brach sich in den Oktobertagen von 1989 quäntchenweise Pluralismus Bahn. Auf den Leserbriefseiten der Blätter wandelte sich der Ton: Von Zweifeln geplagte Redakteure ließen nun auch abdrucken, dass "in unserer Republik Widersprüche und Probleme herangereift sind". Doch wenige Zeilen weiter begingen die Ausreisekandidaten dann wiederum "Verrat an der Heimat".

Während sich die Staatsführung in Berlin zum DDR-Jahrestag bejubeln ließ, gründete in Schwante, nördlich der Hauptstadt, ein kleiner Kreis von Vordenkern um den heutigen SPD-Politiker Markus Meckel die SDP – die Sozialdemokratische Partei in der DDR. Im westsächsischen Plauen gingen 10.000 Mutige auf die Straße. Tags drauf entstand in Dresden die "Gruppe der 20": Der katholische Geistliche Frank Richter sammelte auf der Prager Straße knapp zwei Dutzend der 20.000 Demonstranten um sich, damit sie am nächsten Tag die Forderungen der Bürger an Oberbürgermeister Berghofer vortragen sollten. Dem Einsatzleiter der Polizei sagte er: "Wir wollen keine Gewalt."

Denn es herrschte Angst vor einer "chinesischen Lösung", jenem von der DDR-Führung gutgeheißenen Massaker, bei dem Chinas Staatsmacht im Juni 1989 einen Volksaufstand blutig niederschlug. Krankenhäuser hatten auf Anweisung hin schon zuvor Betten frei geräumt, falls Blut fließen sollte. Die Nationale Volksarmee reichte Waffen und scharfe Munition an die Soldaten aus. Gewalt gegen friedliche Demonstranten – oder kriminelle Staatsfeinde, je nach Sichtweise – war einkalkuliert, die Nervosität war entsprechend hoch.

Das lähmte viele, in den Großstädten wie in der Provinz. "Die meisten blieben zu Haus und schauten interessiert oder erschrocken hinter den Gardinen denjenigen hinterher, die den Mut hatten, auf die Straße zu gehen", erinnert sich der Oybiner Pfarrer Eggert an eine Demonstration im ostsächsischen Zittau. Wer dieser Tage abends überraschend nicht nach Hause kam, war mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit nach Prag oder Ungarn unterwegs oder von der Polizei "zugeführt", wie die Festnahme der demonstrierenden "Konterrevolutionäre" im Polizeijargon hieß. Auch zur Republik-Jubelfeier hatten Uniformierte massenhaft Demonstranten zusammengeknüppelt und abgeführt, weil sie weitab der staatsoffiziellen Fernsehkameras gegen die verlogene Schau protestierten.

Am 9. Oktober überwanden in Leipzig 70.000 Menschen die Furcht und zogen mit Kerzen über den Stadtring, nach einem Friedensgebet in der großen Nikolaikirche. In der Vorwoche waren 10.000 gekommen. Die größte spontane Demonstration seit dem Arbeiteraufstand von 1953 versetzte die Staatsmacht in Starre. Noch schweigend bog die Menge auf den Stadtring ein, schritt vorbei an Hunderten verdatterten Polizisten mitsamt ihrem schweren Gerät. Am 10. Oktober, einem Dienstag, herrschte unter den Ausreisenden und Hierbleibenden Erleichterung darüber, dass es keine Toten gegeben hatte.

Die stille Macht der Demonstranten, das Kerzenlicht, ihr Mantra "Keine Gewalt", ihr anschwellender Ruf "Wir sind das Volk" verhinderten ein Massaker. Der Leipziger Pfarrer Christian Führer spricht heute von einem "Geist der Gewaltlosigkeit", der aus seiner Nikolaikirche auf die Straße wehte. "Armee, Kampfgruppen und Polizei wurden einbezogen, in Gespräche verwickelt, zogen sich zurück." Dieser Geist zerriss die Befehlsketten staatlicher Gewalt und lähmte die Gummiknüppel der Polizei.

In der Rückschau war es auch schlichter Befehlsnotstand, der das Blutvergießen verhinderte. Eine versprochene Rückmeldung der Berliner SED-Führung, wie denn angesichts demonstrierender Massen vorzugehen sei, erreichte keinen der örtlichen Kommandeure. Hinzu kam Beklommenheit, die auch unter den Polizisten, Soldaten und ihren jungen Einsatzleitern herrschte: Der Befehl "Alle sofort raus, zur Waffenkammer", hatte auch Jens Heidenreich schockiert. "Mir wurde ganz anders und ich hatte Angst!", erinnert sich der damalige Volksarmee-Rekrut an den Moment, als er Maschinengewehr samt Munition in Empfang nahm. "Das erste Mal überhaupt war ich damit konfrontiert, in der Armee Kriegsdienst zu leisten." Doch am Ende beschränkten sich die Uniformieren glücklicherweise auf die überflüssige Mission, öffentliche Einrichtungen zu schützen.

Die befehlsgesteuerten Hüter der Staatsmacht begriffen in diesen Tagen, dass sie auf der falschen Seite standen. Der 9. Oktober 1989 war die eigentliche Wende in der DDR, der Nährboden für alles, was danach möglich war: Die offiziell angemeldete Millionen-Demonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz, der Mauerfall, der in der Wiedervereinigung mündete.

Von diesem Tag an trachteten immer mehr Bezirksfürsten danach, Honecker und seinen Stab in die Rente zu schicken. Die Greise von Wandlitz – so nannte man sie, weil sie in der Luxus-Wohnsiedlung nördlich von Berlin residierten, hatten sich isoliert. Die 100.000 von Plauen, Dresden, Leipzig und anderswo bescherten fast 17 Millionen DDR-Bürgern die dauerhafte Freiheit und Momente unbeschreiblichen und unwiederholbaren Glücks.

Quelle: ZEIT ONLINE

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