DDR-Kinderheime : Gleiche Rechte für alle Opfer gefordert

Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) weist den Vorwurf zurück, dass Missbrauchs-Opfer in DDR-Kinderheimen "Opfer zweiter Klasse" sein könnten.

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Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD)
Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD)Foto: dpa

Berlin - Schon im Vorfeld der Konstituierung des Runden Tisches gegen sexuellen Kindesmissbrauch am 23. April hatte es Vorwürfe gegeben, die Opfer aus DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen würden in diesem Gremium keine Rolle spielen, weil sie dort praktisch nicht vertreten seien. Der Tagesspiegel hatte über zahlreiche Fälle berichtet, die insbesondere der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof in Torgau gemeldet worden waren. Aber weder Betroffene noch einschlägige Opferverbände waren zu dem Runden Tisch hinzugezogen worden. Das Wort von den „Opfern zweiter Klasse“ machte die Runde.

Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) weist diesen Eindruck zurück. „Wir haben uns am Runden Tisch darauf verständigt, dass das Thema des sexuellen Missbrauchs in DDR-Kinderheimen in dieses Gremium gehört“, sagte sie dem Tagesspiegel. Darauf habe sie sich bereits im Vorfeld mit den Familien- und Sozialministern der neuen Länder geeinigt. „Wir wollen nicht, dass es extra einen ,Runden Tisch DDR‘ gibt. Jedes Opfer hat das gleiche Recht auf Aufarbeitung, auf Unterstützung und eventuell Entschädigung.“

Mit der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für die Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch, Christine Bergmann, sei vereinbart worden, dass sich Missbrauchsopfer aus DDR-Kinderheimen an sie wenden könnten. Außerdem würden regionale Anlaufstellen für die Betroffenen geschaffen. „Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern eine schon vorhandene Opferberatungsstelle in Rostock benannt, die künftig speziell für diese Betroffenen zuständig sein wird. Sie wird eng mit unserer Landeszentrale für die Stasiunterlagen zusammenarbeiten, wo diese Opfer sich gemeldet haben, aber wo es bislang kaum ausreichende Hilfemöglichkeiten gab“, sagte Schwesig, die auch Vorsitzende der Konferenz der Jugend- und Familienminister ist.

Opfer sollten auch für sich selbst sprechen

Zugleich kritisierte die Ministerin die Zusammensetzung des Runden Tisches. Es sei wichtig, „dass nicht immer nur andere für die Opfer sprechen, sondern dass sie auch für sich selbst sprechen können“. In dieser Frage müsse auch der Runde Tisch „noch einmal umdenken“. Sie finde es – unabhängig von der Problematik der DDR-Heime – „sehr schwierig, dass wir dort nicht einen einzigen Betroffenen gehört haben. Wir sprechen alle sicherlich mit gutem Willen für die Opfer, aber ihnen ist es vor allem wichtig, dass sie nicht immer fremdbestimmt sind, sondern dass sie direkt gehört werden“, sagte die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende.

In Mecklenburg-Vorpommern seien zunächst 30 Fälle sexuellen Missbrauchs in DDR-Kinderheimen bekannt geworden, innerhalb von zwei Tagen nach der Benennung der Opferberatungsstelle hätten sich weitere zwölf Betroffene gemeldet, sagte die 35-jährige Ministerin. Den meisten Betroffenen gehe es nicht vorrangig um Entschädigung. Ihnen sei wichtig, eine Anlaufstelle zu haben, „wo sie gehört werden und wo sie Zuwendung bekommen“. Es sei „eine große Aufgabe, eine gesellschaftliche Haltung zu diesem Thema zu entwickeln, die klarmacht, dass Schuld und Scham nicht bei den Opfern liegen, sondern dass Schuld und Scham bei den Tätern liegen müssen“.

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