DDR : Vati ist bei der Stasi

Ruth Hoffmann über das Leben und Leiden der Kinder von MfS-Mitarbeitern.

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Genossen, wir müssen alles wissen!“, war das Motto von Erich Mielke. Im Westen faselte man schon vom gläsernen Bürger, lange bevor Internet und Facebook das Leben durchsichtiger machten. In der DDR waren die Bürger gläsern. Dort bedeutete Mielkes Anspruch, dass jeder – ohne Ausnahme – präventiv im Auge zu behalten sei. Denn jeder, auch der zuverlässigste DDR-Bürger, könnte ja den Schalmeien-Klängen des Gegners erliegen. „Wer im Volk nicht auf Linie ist“, schreibt Ruth Hoffmann, „wird ,operativ bearbeitet’“. In Mielkes MfS kamen auf einen hauptamtlichen Mitarbeiter 180 DDR-Bürger (zum Vergleich: Der KGB brachte es nur auf ein Verhältnis von 1:595), die inoffiziellen Mitarbeiter (IM) sind dabei nicht mitgerechnet. Im Schicksalsjahr 1989 ist die Versorgungslage im Arbeiterparadies zwar miserabel, aber den MfS lässt sich die DDR 4,195 Milliarden Mark kosten.

Die Überwachung im totalen Überwachungsstaat machte freilich auch nicht vor den eigenen Leuten halt. Die Stasi überwachte sich gewissermaßen auch selbst und gegenseitig. So sehr hatten die Mitarbeiter das Prinzip verinnerlicht, dass sie, bevor jemand sie denunzieren konnte, selber ihre kleinen und größeren Verfehlungen bekannten, ob das schlechte Noten der eigenen Kinder waren, West-Verwandtschaft der Ehefrau, der man zufällig begegnet war oder die Bekanntschaft der eigenen Kinder mit anderen Kindern, die heimlich beim Jazzkonzert gesichtet wurden. Die Stasi war ein gespenstisch geschlossenes System, männerbündlerisch, Frauen spielten eine untergeordnete Rolle.

Die ständig Zersetzung und Angriff witternden Angestellten des MfS hatten Familien. Sie wohnten überwiegend in gemeinsamen Wohnblocks, materiell waren sie besser gestellt als andere. Ihre Kinder wussten nie, was die Väter taten. Berufsangabe: Mein Vater arbeitet fürs Innenministerium. Und doch war das keine perfekte Verschleierung, andere Kinder hielten sich nämlich eher fern von den Stasi-Kindern aus den privilegierten Wohnanlagen.

Ruth Hoffmann ist es gelungen, einer kleinen Zahl solcher Kinder ihre Kindheit und Jugend zu entlocken. Sie führte ausführliche Gespräche mit ihnen, erwarb ihr Vertrauen. Zugegeben, sie hat außergewöhnliche Exemplare gefunden: Pierre Guillaume, den Sohn des berühmtesten Kundschafters des MfS, Vera Lengsfeld, deren traurige Geschichte von interfamiliärer Bespitzelung schon früh bekannt wurde, Nicole Glocke, deren Vater als Spion bei der RWE arbeitete und aufflog, nachdem der Doppelagent Werner Stiller sich in den Westen mit endlosen Spitzellisten abgesetzt hatte. Dessen Tochter Edina Stiller gehört auch zu den Protagonisten des Buches ebenso wie Thomas Raufeisen, dessen Vater sich mit der Familie abrupt in den Osten absetzte, als er Gefahr spürte und noch einige weitere „Kinder“.

Interessant ist, dass einige der Stasi- Kinder sich schon zu DDR-Zeiten im Widerstand fanden zu ihren Vätern und zu allem, wofür die standen. Das ist anders als die Entwicklungen von Kindern bedeutender Nazi-Größen. Sie entdeckten oft sehr lange nach dem Untergang des zwölfjährigen Reiches den Umfang der Verwicklung ihrer Väter, manche meinten dann Buße im Kibbuz tun zu müssen, manche begingen gar Selbstmord. Freilich hatte die DDR-Diktatur eine weit längere Dauer als ihre Vorgänger-Diktatur. Viele Stasi-Kinder waren beim Fall der Mauer längst junge und ältere Erwachsene, die nie etwas anderes als die DDR kennengelernt hatten.

Hoffmann beschreibt etwa den Fall Stefan Herbrich. Mit 17 lässt der die Haare lang wachsen. „Das erledigt sich, wenn Du bei der Armee bist“, kommentiert der Vater. Doch Stefans Leben verläuft nicht so, wie der Vater es wünscht und geplant hat. Der Junge hat eine Freundin und die hat West-Verwandtschaft. Einheiraten in eine „staatsfeindliche“ Familie – das kommt für einen MfS-Mitarbeiter nicht infrage. Es sei denn, der Junge vermeidet den Kontakt mit den Eltern seiner Braut. Als die schwanger wird, will er nicht mehr auf die Offiziersschule und schon gar nicht in Vaters Fußstapfen treten, sondern bei seiner kleinen Familie bleiben. Das Ausschlagen des Privilegs bringt den jungen Mann in größte Schwierigkeiten. Für den Vater ist er ein „Nestbeschmutzer“. Nach seinem Wehrdienst wird Stefan Herbrich Altenpfleger. Während eines Nachtdienstes gestaltet er eine Wandzeitung, in der er die leeren Phrasen des Staates mit aufmüpfigen Sprüchen kommentiert. Am nächsten Tag bricht die organisierte Hölle los. Untersuchungshaft und endlose Verhöre sind die Folge und schließlich 18 Monate Haft. Später wird er aus seinen Stasi-Akten erfahren, dass sein Vater ihn auf neun maschinengeschriebenen Seiten sachlich wie einen Fremden beschrieben und denunziert hat.

Die einzelnen Geschichten dieser Stasi-Kinder sind so deprimierend und die familiäre Dysfunktionalität so erschreckend, dass man wünscht, dass derlei Elend nicht für alle Stasi-Familien typisch war. Die autoritären, linientreuen, ideologisch betonierten und oft abwesenden Väter, die schweigenden Mütter, der geschlossene Kreislauf des Stasi-Männerbundes, in den die Söhne oft automatisch einstiegen. Hoffmann zeichnet hier ein erschreckendes Bild des real existierenden Sozialismus in all seiner Widerlichkeit. Über die DDR und ihren alles beherrschenden Staat im Staate kann man hier weit mehr lernen als aus all der netten ostalgischen Literatur à la Jana Hensel. Ein Staat der seine Kinder frisst, der von Misstrauen lebt und die Ideologie über alles stellt ist ein Monster. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, diesen Satz Adornos fand der sehr junge Stefan Herbrich einst. Er sollte ihn leiten und letztendlich in den Knast führen.

Christine Brinck ist Autorin von „Eine Kindheit in vormaurischer Zeit“ (Berlin Verlag).

Ruth Hoffmann: Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat. Propyläen Verlag, Berlin 2012. 317 Seiten, 19,99 Euro.

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