DDR-Vergangenheit : Störende Opfer

Therapeuten kritisieren den Umgang mit politisch Verfolgten aus der DDR: Zu den gesundheitlichen Folgen der Inhaftierung in der DDR forschen derzeit Wissenschaftler der Universität Leipzig.

Verena Friederike Hasel

BerlinSie kamen immer dann, wenn er nicht da war. Das erste Mal rückten sie den Beistelltisch im Wohnzimmer ein Stück beiseite, das nächste Mal den Schrank. Und weil sie einen Nachschlüssel hatten, sich heimlich reinließen und keine Spuren hinterließen, sah er nur, wie seine Möbel wanderten. Er dachte, er verlöre den Verstand. Dass genau das ihr Ziel war, dass sie ihn verrückt machen wollten, das verstand er erst Jahre später, als er nach der Wende seine Stasiakte einsah.

Diese Erfahrung hat ein Klient von Stefan Trobisch-Lütge gemacht, viele andere, die zu dem Psychologen kommen, waren in der DDR inhaftiert. Trobisch-Lütge leitet die Berliner Beratungsstelle Gegenwind, sie will Menschen helfen, die in der DDR politisch verfolgt wurden und noch immer mit den psychischen Folgen zu kämpfen haben. Anlässe, dass das alte Leid neu aufbricht, gibt auch das wiedervereinigte Deutschland. So nimmt Trobisch-Lütge die Öffnung der SPD gegenüber der Linkspartei als sehr belastend für seine Klienten wahr. „Die Linkspartei hat nur in Teilen mit der SED-Vergangenheit gebrochen“, sagt er. Gegenüber Vorwürfen von DDR- Opfern verteidige sich die Partei oft geradezu reflexhaft. „Dass sie nun so einen politischen Einfluss entwickelt, empfinden Stasiopfer als Wiederkehr der Bedrohung.“ In Berlin meiden viele von Trobisch-Lütges Klienten, die inhaftiert waren und von der Bundesrepublik freigekauft wurden, immer noch den Ostteil der Stadt. Andere schauen, sobald sie eine Behörde betreten haben, sofort nach den Notausgängen, so übermächtig sind die Erinnerungen an die Verhöre durch die Stasi. „Doch das Ausmaß der Schädigung wird offenbar nicht erkannt“, sagt der Psychologe.

Ferdinand Haenel, der als Psychiater im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer ebenfalls Regimekritiker der DDR behandelte, sieht das ähnlich. Seiner Meinung nach aktualisiert vor allem die Debatte um die Nennung der IM-Klarnamen die Emotionen der Opfer. „Was sie wahrnehmen, ist, dass die Täter geschützt werden, während sie damals ausgeliefert waren.“ Anna Kaminsky, Leiterin der Stiftung Aufarbeitung, nimmt eine öffentliche Tendenz wahr, die Opfer als störend zu empfinden. „Man hört immer wieder die Aufforderung, sie sollten Ruhe geben.“ Sie kritisiert, dass die Aufmerksamkeit eher den Tätern als den Opfern gelte – und dass die Zersetzungsmaßnahmen, die die Stasi gegenüber Regimekritikern anwandte, nicht immer strafrechtlich relevant seien. Als Zersetzungsmaßnahmen werden die unauffälligeren Formen der Repression bezeichnet, welche die DDR nach 1976 verstärkt anwandte. Im Zuge ihres Bemühens um internationale Anerkennung ging sie dazu über, politisch Andersdenkende nicht mehr so rasch zu inhaftieren, sondern ihnen stattdessen psychisch so zuzusetzen, dass sie handlungsunfähig wurden. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre waren davon 20 000 bis 25 000 Menschen betroffen. Das Umstellen der Möbelstücke ist ein Beispiel für den Versuch der Zersetzung, andere waren in der sogenannten Richtlinie 1/76 geregelt, darin werden die „Verwendung anonymer Briefe, kompromittierender Fotos“ als bewährte Mittel genannt. „Wenn jemand 23 Mal nachts an der Tür klingelt“, sagt Anna Kaminsky, „dann macht das einen Menschen fertig, aber wie ahndet man es vor Gericht?“

Zu den gesundheitlichen Folgen der Inhaftierung in der DDR forschen derzeit Wissenschaftler der Universität Leipzig. Schätzungen zufolge waren in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR zwischen 170 000 und 280 000 Menschen inhaftiert. 1300 Häftlinge wurden nun befragt. 73 Prozent gaben an, misshandelt worden zu sein, 33 Prozent wurden mit dem Tod bedroht. Als weitere Risikofaktoren nennen Gregor Weißflog und Kornelia Beer Einzelhaft, Zellen-IMs und die häufige gezielte Falschinformation über Familienangehörige, zum Beispiel die Nachricht, die Kinder seien zur Zwangsadoption freigegeben worden. 86 Prozent gaben an, noch immer unter den Folgen der Haft zu leiden.

Viele von Trobisch-Lütges Patienten haben eine Posttraumatische Belastungsstörung – ein Krankheitsbild, das sich zum Beispiel auch nach Vergewaltigungen einstellt. Andere klagen über Depressionen und Schlafstörungen. Was ihnen nach Trobisch-Lütges Einschätzung helfen könnte, wäre vor allem ein öffentliches Schuldgeständnis der Täter. „Wenn sie anerkennen, was sie Menschen angetan haben, ist schon eine Besserung erreicht.“

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