Debatte um Todesstrafe : Ein Henker packt aus

Er hat 62 Menschen getötet - im Auftrag des US-Bundesstaates Virginia. Nun spricht Scharfrichter Jerry Givens erstmals öffentlich über seinen Job.

Achim Fehrenbach
Jerry Givens Screenshot: tso
Jerry Givens. -Screenshot: tso

In den USA hat die Debatte um die Todesstrafe einen neuen Höhepunkt erreicht. Gestern wurde sie im US-Bundesstaat New Jersey abgeschafft. Das Oberste US-Gericht will 2008 entscheiden, ob tödliche Injektionen einer "grausamen und außergewöhnlichen" Strafe gleichkommen und damit der US-Verfassung widersprechen. Wasser auf die Mühlen der Todesstrafen-Gegner liefert ein Interview, das der Sender ABC News jetzt mit einem Henker aus dem Bundesstaat Virginia geführt hat.

62 Menschen hat Jerry Givens zwischen 1982 und 1999 hingerichtet - das sind elf Prozent aller Todesstrafen, die in diesem Zeitraum US-weit vollstreckt wurden. Mit 30 Jahren wurde der Gefängnisbeamte von einem Vorgesetzten für den Job ausgesucht, ein Henker-Team aus Texas zeigte ihm, wie man die Todesspritze setzt. Eine medizinische Ausbildung erhielt er jedoch nie. Bei Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl durfte er die Voltzahl selbst abschätzen: "Wenn es ein kleiner Kerl war, habe ich ihm nicht so viel verabreicht. Man versucht, den Körper nicht zu kochen", so Givens zu ABC News.

Givens: "Du musst vor dir selbst abhauen"

"Ich habe einfach nur einen Job gemacht", sagt Henker Givens lapidar. "Ein Leben auszulöschen, ist nicht gerade angenehm. Du hast einen Verurteilten vor dir, der dir nichts getan hat." Als tief religiöser Mann habe er für die Verurteilten gebetet. Außerhalb der Gefängnismauern erfuhr niemand etwas von seinem "Zweitjob", nicht einmal seine Frau. Die Tage und Nächte vor und nach der Exekution seien für ihn eine enorme Belastung gewesen, erzählt Givens: "Du musst vor dir selbst abhauen. Du musst dich selbst auslöschen."

Im Jahr 2000 gab Givens seinen Job auf. Er hatte für einen verurteilten Drogendealer, einen Jugendfreund, Autos gekauft und war wegen Meineids und Geldwäsche verurteilt worden. Schon vorher hatten Zweifel am Sinn der Todesstrafe an ihm genagt. Denn mit dem Aufkommen von DNA-Tests kam es immer häufiger vor, dass Todesurteile sich im Nachhinein als falsch herausstellten. "Wenn der Vorsitzende Richter gleichzeitig der Henker wäre, würde er sich wahrscheinlich zwei Mal überlegen, ob er ein Todesurteil fällt", so Givens.

Aussagen wie die von Henker Givens können sich Gegner der Todesstrafe nur wünschen. Die Front der Befürworter bröckelt bereits. Auch, weil es landesweit mehrere Pannen bei der Verabreichung der Giftspritze gegeben hat - die Betroffenen erlitten durch falsche Dosierung extreme Schmerzen. Diese Pannen, das Leid der Angehörigen, die mögliche Tötung Unschuldiger und der fehlende Beweis einer abschreckenden Wirkung lassen die Todesstrafe in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als Relikt aus Cowboy-Zeiten erscheinen. Viele Bundesstaaten wollen erst einmal das Urteil des Obersten Gerichts im kommenden Jahr abwarten, bevor sie weitere Todesurteile vollstrecken. Dem Henker Jerry Givens wird das nicht viel nützen: Die quälenden Zweifel an seinem Tun werden ihn sein Leben lang begleiten.

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