Debatte zur Flexibilität im Strommarkt : Die Energiewende braucht intelligente Lösungen

Darüber, dass Flexibilität bei stetig steigender Einspeisung aus regenerativen Energiequellen eine zentrale Rolle spielt, um die Versorgungssicherheit auch zukünftig zu gewährleisten, besteht Konsens, hält Hildegard Müller (BDEW) fest. Wie aber können die benötigten Flexibilitätsoptionen aktiviert werden? Ein Debattenbeitrag

Hildegard Müller
„Es ist paradox, dass wir die Stilllegung effizienter Energiespeicher in einer Zeit diskutieren, in der der Bedarf nach genau solchen Flexibilitätsoptionen stetig steigt.“
„Es ist paradox, dass wir die Stilllegung effizienter Energiespeicher in einer Zeit diskutieren, in der der Bedarf nach genau...Foto: dpa

Künftig sollen die Erneuerbaren Energien das Leitsystem der Energieversorgung Deutschlands sein. In einem solchen System, in dem die stark schwankende Einspeisung von Strom aus regenerativen Energiequellen stetig zunimmt, wird Flexibilität immer wichtiger. Das Stromsystem muss die stark schwankende Einspeisung aus Erneuerbaren Energien schnell und flexibel ausgleichen können. Flexibilität ist daher eine wesentliche Voraussetzung dafür, das hohe Maß an Versorgungssicherheit auch künftig zu gewährleisten. Darüber besteht Konsens. Wenig beleuchtet wurde bislang dagegen, wie Flexibilitätsoptionen aktiviert werden können.

Bereits heute gibt es eine große Palette unterschiedlicher Flexibilitätsoptionen – etwa im Kraftwerkssektor, beim Netzausbau, im Bereich der Speicher oder durch flexible industrielle Prozesse. Insbesondere das Lastmanagement, also die zeitliche Steuerung der Stromnachfrage, wird in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnen. Dabei wird es darauf ankommen, intelligente und passgenaue Technologien zu entwickeln. Ein Beispiel: Bereits heute kommt es in einigen Netzgebieten zeitweise zu einer mehr als 100-prozentigen Auslastung der Verteilnetze durch regenerative Energien. Daher stehen die Netzbetreiber nicht nur vor der Aufgabe die Stromnetze auszubauen, sondern sie möglichst intelligent zu modernisieren. Insgesamt muss die Energieversorgung „smart“ werden – und zwar in dem Sinne, dass sie ein zunehmend schwankendes Stromangebot und eine schwankende Nachfrage durch die Verbraucher lokal in Einklang bringt. Mit der Realisierung beispielsweise von Smart Grids – also intelligenten Verteilnetzen – werden wichtige Flexibilitäten geschaffen.

Für eine erfolgreiche Erweiterung von Smart Grids sind erhebliche Investitionen insbesondere in die IT-Infrastruktur, Datenvorhaltung und Netzführung erforderlich. Zudem gibt es in diesem Bereich viel Potenzial für neue Geschäftsmodelle. Die veränderten Ansprüche an ein umfassendes Datenmanagement werden neue Marktakteure auf den Plan rufen. Vor allem der IT-Bereich wird eine stärkere Rolle einnehmen – insbesondere in Hinblick auf das flexible Organisieren von Energiemengen.

Hildegard Müller, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.
Hildegard Müller, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.Foto: BDEW/Horn

Hinzu kommt, dass sich wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen auch, die Energieversorgung zunehmend über nationale Grenzen hinweg bewegt. Deshalb werden uns zukünftig auch Themen wie das europäische „Supergrid“ beschäftigen, also der mögliche Ausbau eines Netzes von kapazitätsstarken Hochspanungsleitungen, das verschiedene Länder miteinander verknüpft. Das ist eine große Herausforderung und bringt neue Anforderungen an Flexibilitäten mit sich. Ein solches „Supergrid“ birgt aber gleichzeitig die Chance, Schwankungen in Verbrauch und Erzeugung auf europäischer Ebene flexibel ausgleichen zu können.

Spannend wird vor diesem Hintergrund auch die Weiterentwicklung von Energiespeichern. Sie sind bereits heute ein elementarer Bestandteil des Energiesystems. Speicher können einen erheblichen Beitrag zur Markt- und Systemintegration der Erneuerbaren Energien leisten. Aktuell machen jedoch die sich radikal wandelnden Bedingungen auf dem Energiemarkt sowie gesetzlich festgelegte Umlagen und Abgaben den Einsatz bestehender Speicher unrentabel. Aus Sicht der Energiewirtschaft ist es deshalb höchste Zeit, dass Energiespeicher von den Entgelten wie für den Netzzugang und den damit zusätzlich verbundenen Umlagen befreit werden. Es ist paradox, dass wir die Stilllegung effizienter Energiespeicher in einer Zeit diskutieren, in der der Bedarf nach genau solchen Flexibilitätsoptionen stetig steigt. Und mit Bedarf ist nicht das reine Speichern von Überschüssen aus Erneuerbaren Energien gemeint, wie wir sie in größeren Mengen ab 2030 oder 2040 erwarten dürfen. Vielmehr geht es um eine Vielzahl von „Systemdienstleistungen“, die heute entweder gar nicht oder zumindest nicht leistungsgerecht vergütet werden, beispielsweise die Spannungs- und Frequenzhaltung. Die Energiewirtschaft fordert deshalb, die politischen Hemmnisse für Energiespeicher abzubauen und damit die im Koalitionsvertrag angekündigte Verbesserung der wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für diese Anlagen auch umzusetzen.

Insgesamt muss der Strommarkt so weiterentwickelt werden, dass sich die Bereitstellung von Flexibilität rechnet. Mit dem Vorschlag eines dezentralen Leistungsmarktes hat der BDEW in Zusammenarbeit mit Partnerverbänden und anderen energiepolitischen Akteuren den Weg in eine Neujustierung des Strommarktes aufgezeigt. Ein zukünftiges Marktdesign sollte darauf ausgerichtet sein, die bereitgestellte gesicherte Leistung zu honorieren. Dies dient nicht nur der Versorgungssicherheit durch Bereitstellung zusätzlicher Flexibilitäten im System, sondern ist auch aus einer volkswirtschaftlichen Kostenbetrachtung heraus sinnvoll.

Eine Debatte des Tagesspiegel Politikmonitorings
Eine Debatte des Tagesspiegel PolitikmonitoringsFoto: TPM

Klar ist, dass wir das komplexe System der Energieversorgung schon heute weiterdenken müssen. Dabei ist Flexibilität ein Schlüsselwort für die Umsetzung der Energiewende: Flexible Stromerzeugungs- und Gaseinsatztechniken, die flexible Nutzung von Erneuerbaren Energien, der Einsatz von Speichern aller Art, der Beitrag von Stromnetzen und auch Flexibilitäten auf der Nachfrageseite – all diese Optionen gilt es zu aktivieren, wenn wir das hochkomplexe Projekt Energiewende erfolgreich gestalten wollen.

Hildegard Müller ist seit Oktober 2008 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Ihr Beitrag erscheint im Rahmen der Debatte des Tagesspiegel Politikmonitorings zur Flexibilität im Strommarkt. Alle Debattenbeiträge finden Sie hier.

Hendrik Köstens: Die Rolle der Flexibilität im Strommarkt der Zukunft - Eine Einführung in die Debatte

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