Politik : „Debatten anzetteln“

Verwahrlosung gibt es in West- wie Ostdeutschland – Wissenschaftler fordern, genauer hinzuschauen

Michael Schmidt

Berlin - Jörg Schönbohm teilt gerne aus. Verbal. Zuletzt aber hat er einiges einstecken müssen. Nach der neunfachen Babytötung in Brieskow-Finkenheerd. Mit seiner These von der Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR, die der Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft der Menschen im Osten Vorschub geleistet habe, hat der Brandenburger CDU-Landeschef selbst seine Parteifreunde gegen sich aufgebracht. Dabei gibt es viele, die seine These zwar für grundfalsch halten, aber die Diskussion über Gewalt und ihre Ursachen sehr begrüßen. „Über Verwahrlosung zu sprechen ist ja richtig und wichtig“, sagt zum Beispiel der Berliner Zeithistoriker Paul Nolte.

Richtig und wichtig – und zugleich sehr schwierig. Denn es gibt keine Daten, keine Statistiken, die ein verlässliches Bild vom Stand der Verwahrlosung in Deutschland West und Ost geben könnten. Es gibt selbst unter den Experten keine klare Vorstellung davon, was man unter dem Begriff der Verwahrlosung eigentlich verstehen möchte. „Woran soll man das festmachen?“, fragt Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld. „An der Kriminalitätsstatistik? An Vereinsamungstendenzen? Oder an Phänomenen materieller Armut?“

Die Ratlosigkeit der Forscher ist so groß wie ihr Wille, zu einer klärenden Analyse beizutragen. Verwahrlosung sei sicher kein auf Ostdeutschland beschränktes Phänomen, sagt Nolte. „Das ist eine Frage des Milieus.“ Und soziale Problemzonen, „marginale, gesellschaftsunfähige, durch Armut und Einsamkeit geprägte Milieus“ gebe es auch im Ruhrgebiet. Richtig, sagt Heitmeyer. Regt aber an, genau hinzuschauen, die Milieus bei allen Gemeinsamkeiten auch auf ihre Besonderheiten hin zu untersuchen. Gegebenenfalls, „ich sage das in aller Vorsicht“, müsse man sich auch die zur Verwahrlosung beitragenden Faktoren anschauen, die es so vielleicht nur in Teilen Ostdeutschlands gebe.

Heitmeyers Grundthese: „Die meiste Gewalt geht von homogenen Gruppen aus.“ Deshalb sei nicht auszuschließen, dass die Siedlungsstruktur vor allem in den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands problematisch sei. „Die Abwanderung von Leistungsträgern, von denen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, führt dazu“, sagt Heitmeyer, „dass die Gruppe der Zurückgebliebenen sich sozial und von den Einstellungen her immer ähnlicher wird“. Man kennt sich, man braucht sich, man fragt nicht kritisch nach, widerspricht einander nicht. „Da entsteht dann das Klima des Schweigens und nicht Hinguckens“, sagt Heitmeyer.

Was ließe sich dagegen tun? „Da gibt es wenig Ideen“, sagt Historiker Nolte, „das ist die große Leerstelle.“ Man könne sicher die Mechanismen staatlicher Aufsicht und Kontrolle stärken, „den Behördenabgleich, die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Meldeamt zum Beispiel“. Aber sonst? Das Ziel müsse ja sein, die Menschen aus der sorgenden Hand des Staates in die Mündigkeit zu entlassen, sagt Nolte. „Die klassische Antwort ist da natürlich Bildung“. Die Schule solle Schülern und Eltern Respekt für den anderen beibringen, richtige Ernährung und auch ökonomische Grundkenntnisse.

Für Heitmeyer müsste Priorität haben, die Abwanderung zu begrenzen, „um die Entstehung homogener Gruppen und abgeschlossener Milieus zu verhindern“. Das sei, klar, „auch eine ökonomische Standortfrage“. Das sei aber vor allem eine Frage der Zivilcourage. „Selbst wer dableibt, muss Debatten anzetteln“, fordert Heitmeyer. Die lokalen Eliten müssten ihre Stimme erheben, die lokalen Medien ein Forum schaffen, um die Gleichgültigkeit aufzubrechen. Dabei mahnt Heitmeyer zur Vorsicht: „Bloß nicht die Moralkeule schwingen nach dem Motto: Wie konntet ihr das zulassen?! Und bloß nicht auf die Ost-West-Diskussion einlassen!“ Denn das, weiß Heitmeyer, „ist das Ende jeder selbstkritischen Debatte.“

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