Deidre Berger : "Ein gefährliches altes Gespenst, das neu erwacht"

Wie das American Jewish Committee in Deutschland seit zehn Jahren für die alltägliche Völkerverständigung arbeitet.

Berger
Deidre Berger. -Foto: dpa

Das American Jewish Committee setzt sich für transatlantische Beziehungen ein und gegen Antisemitismus und Intoleranz. Was ist Ihr Auftrag in Deutschland?

Als wir vor zehn Jahren unser AJC-Büro in Berlin eröffneten, waren wir optimistischer, das muss ich einräumen. In ganz Europa hat sich das gesellschaftliche Klima gewandelt, nicht nur in Deutschland. Kanzlerin Merkel, die im Kanzleramt eine Delegation des AJC zu unserem Jubiläum empfängt, hat das unlängst zur Sprache gebracht, als sie sagte, der Antisemitismus sei „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen. Selbstverständlich bereitet uns das Sorgen. Denn es geht da nicht nur um ein paar Hakenkreuzgraffiti oder Sprüche, sondern um ein gefährliches altes Gespenst, das neu erwacht.

Wodurch wurde es geweckt?

Die Gründe sind vielfältig. Zwei zeithistorische Daten spielen sicher eine zentrale Rolle: Der Beginn der zweiten Intifada im Oktober 2000 und der 11. September 2001. Für die Angriffe auf Israel und Amerika geben viele Menschen diesen Staaten selber die Schuld. Denn in der Epoche dynamischer Globalisierung, jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, wirkt die Welt für den Einzelnen oft undurchschaubar und bedrohlich.

Und deshalb…?

Deshalb suchen Leute bewusst oder unbewusst nach Verursachern und Verantwortlichen, und der simpelste Weg ist der Rückgriff auf alte Klischees und Vorurteile, die Regression. Nicht nur Antisemitismus, auch rechtsextreme Tendenzen, radikale Nationalismen finden wieder Anhänger, Verschwörungstheorien und reduktionistische Welterklärungen nach dem Modell „an allem sind die Amerikaner“ oder „die Juden“ schuld. Ein drastisches Beispiel ist der Iran – das versuchen wir der Öffentlichkeit klarzumachen.

Was unternimmt das American Jewish Committee in dieser Lage?

Unsere Erfahrung zeigt, dass Bildung unter anderem ein guter Schutz gegen solche Kurzschlüsse ist. Wir sind beim AJC sehr stolz auf ein großes Programm, dass wir hier in zehn Jahren gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen, Schulen, Universitäten, Politikern und konfessionellen Gruppen aufgebaut haben. Als wir bemerkt haben, dass es im Lehrmaterial von Schulen Defizite beim Thema Rassismus und Antisemitismus gibt, haben wir 2001 das „Democracy Education Network“ ins Leben gerufen, ein Netzwerk von Praktikern der schulischen und außerschulischen Bildung. Zur Taskforce gehören zum Beispiel die Amadeu Antonio Stiftung, das Fritz Bauer Institut, das Deutsche Institut für Menschenrechte und die Aktion Sühnezeichen. Eine Arbeitsgruppe erkundet aktuelle Forschungsdebatten und neue Erkenntnisse aus der Praxis, sie lädt Experten ein, sie gibt ihr Wissen weiter. Mehrere Programme laufen auch an Schulen in Berlin und Brandenburg, demnächst auch Programme für Kindergärten, was mich besonders freut.

Solche Programme haben Erfolg?

Wir finden ja. Für tief greifenden Erfolg müssen allerdings viele Faktoren zusammenkommen. Beim AJC sind wir überzeugt, dass zum Beispiel Ressentiments bei migrantischen Jugendlichen geringer werden, wenn sie Chancen haben, gute Schulabschlüsse und Selbstachtung. Wenn sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen – das heißt, sie werden angenommen, sie gehören spürbar dazu.

Wie in den Vereinigten Staaten, die ja fast ausschließlich von Immigranten bevölkert sind.

Europa tut sich offenbar schwer mit der Integration. Darum hat das American Jewish Committee auch tiefes Verständnis für die Schwierigkeiten der großen türkischen Minderheit in Deutschland. Wir können uns, von der jüdischen Erfahrung her, mit vielen Belangen dieser Menschen identifizieren, und haben Kontakte zu einer Reihe von deutsch-türkischen Organisationen aufgebaut.

Eine Gruppe des AJC war 2006 mit Kenan Kolat, dem Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, auf einer Israelreise.

Das war eine ganze Gruppe türkischstämmiger Experten, darunter Lehrer und Sozialarbeiter. Fast alle kannten Israel nur aus den Nachrichten. Sie haben da vor Ort einen neuen Horizont gewonnen. Es tat gut zu erleben, wie sie sich dann der Komplexität des Nahost-Problems geöffnet haben, das als Zeichnung in Schwarz-Weiß ja nicht erkannt werden kann.

Migrantische Jugendliche sehen häufig nicht ein, dass sie sich auf der Schulbank mit Deutschlands Vergangenheit, mit der Shoah, mit Israel befassen sollen, es geht sie scheinbar „nichts an“, ihre Familien hatten damit nichts zu tun …

Immer mehr Menschen teilen solche Ansichten. Früher war es selbstverständlich, dass Deutschland ein besonderes Verhältnis zu Israel hat, jetzt ist eher eine schleichende Entsolidarisierung zu beobachten. Auch hier versuchen wir durch Netzwerke und Aufklärung gegen den Strom zu schwimmen.

Das Gespräch führte Caroline Fetscher.

Deidre Berger ist seit seit 2000 Direktorin des AJC in Berlin.

Sie studierte Journalismus und Kunstgeschichte in Missouri und arbeitete zuvor für verschiedene US-Zeitungen und -Sender.

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