Politik : Dein Freund, der Staat

André Anwar

Stockholm - „Auch bei uns in Schweden ist nicht alles Gold, was glänzt. Dennoch ist die Gruppe der Menschen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, deutlich kleiner als in Deutschland“, sagt Irene Wennemo, wirtschaftspolitische Chefin des mächtigen Gewerkschaftsdachverbandes „LO“. Natürlich sei ein Vergleich zu Deutschland nur bedingt möglich, sagt sie. So erlebt Schweden gerade einen Wirtschaftsboom, die Arbeitslosenquote liegt bei sechs Prozent. Zudem muss das Land auch nicht die Herausforderungen einer Wiedervereinigung meistern. Aber neben diesen grundsätzlichen Unterschieden spielen auch andere Faktoren eine Rolle für den funktionierenden sozialen Zusammenhalt in dem Land mit seinen neun Millionen Einwohnern. „In Deutschland hängt mehr im gesellschaftlichen Gefüge davon ab, ob man einen Job hat oder nicht. Bei uns ist beispielsweise das Beitragssystem unabhängiger davon angelegt“, sagt Wennemo.

Schweden ist eine klassische sozialdemokratische Gesellschaft. In den Hochzeiten der schwedischen Wohlfahrtsgesellschaft bezahlte der Staat den Bürgern nahezu alles. Auch heute noch werden Spar-Rücklagen seltener gebildet als in Deutschland, denn Schweden vertrauen aufgrund ihrer Geschichte dem Staat. Er wird, anders als in Deutschland, eher als fürsorglicher Vater betrachtet und nicht als Feind. Das großzügige schwedische „Volksheim“ des Wohlfahrtsstaats der Sechzigerjahre gibt es zwar nicht mehr. Aber weil die Schweden von einem viel höheren sozialen Niveau aus Kürzungen vornahmen, ist der Fürsorgestaat immer noch intakter als in Deutschland.

Vor allem das Bildungssystem, das wie kaum ein anderes in Europa auf Chancengleichheit unabhängig vom Elternhaus zielt, hat einen wesentlichen Teil zum Zusammenhalt der schwedischen Gesellschaft beigetragen. Wer das Gymnasium nicht schafft, kann an zahlreichen Einrichtungen mit Bafög-Mitteln die notwendigen Kurse nachholen. „Unser gesamtes Bildungssystem ist mit dem Ziel aufgebaut, soziale Mauern zwischen Schichten durchlässiger zu machen“, sagt Wennemo.

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