Politik : Déjà vu

Die Anschläge in London erinnern vom Ablauf her an die Attentatsserie von Madrid am 11. März 2004

Ralph Schulze[Madrid]

Beim Terroranschlag in London erinnert vieles an das Massaker, das islamistische Terroristen am 11. März 2004 in der spanischen Hauptstadt Madrid verübten. Damals waren zehn Bomben kurz vor acht Uhr morgens in vier voll besetzten Vorortzügen in Madrid explodiert und hatten 191 Menschen getötet und mehr als 1500 verletzt. Inzwischen weiß man, dass am Morgen des 11. März wenigstens zehn Terroristen die in Rucksäcken versteckten Bomben in den Zügen platzierten. Als Zündmechanismen der Dynamitsprengsätze dienten Mobiltelefone, in deren Weckerfunktion die Explosionszeit einprogrammiert worden war. Einen Tag später hatte sich das Terrornetzwerk Al Qaida zu dem Anschlag mit den Worten bekannt: „Wir haben es geschafft, im Europa der Kreuzzüge zuzuschlagen.“ Die Fanatiker rechtfertigten das Massaker vor allem mit der Unterstützung des damaligen konservativen Ministerpräsidenten José Maria Aznar für den Irakkrieg.

Der Terrorplan wurde, den Aussagen der festgenommenen Verdächtigen zufolge, ein gutes Jahr vor dem Anschlag geboren. Das Terrordatum, der 11. März 2004, sei wegen seines „großen symbolischen Wertes“ festgelegt worden – 911 Tage nach dem 11. September 2001 und drei Tage vor der spanischen Parlamentswahl, welche Aznar verlor und die den Sozialdemokraten José Luis Zapatero ins höchste Regierungsamt brachte.

Am 2. April 2004 versuchten die islamistischen Terroristen erneut, in Spanien zuzuschlagen – mit einem Bombenanschlag auf den AVE-Schnellzug Madrid–Sevilla. Der Anschlag scheiterte, weil die Terroristen bei der Bombeninstallation am Schienenweg gestört wurden. Einen Tag später, am 3. April 2004, sprengten sich sieben der mutmaßlichen Bombenleger vom 11. März in ihrer konspirativen Wohnung in Madrid in die Luft, als die Polizei ihr Versteck stürmte. Auch ein Beamter wurde getötet. Der Selbstmord verhinderte weitere Anschläge: Am 4. April wollten die Terroristen eine neue Bombenserie in Spanien starten – auf ein Einkaufszentrum, eine britische Schule und ein jüdisches Zentrum.

Im Herbst 2004 zerschlug die spanische Polizei eine weitere Fanatikergruppe, welche ihre toten und festgenommenen Gesinnungsgenossen rächen wollte. Die Extremisten waren kurz davor, mit einem sprengstoffgefüllten Lastwagen den Nationalen Gerichtshof in Madrid, der die Terrorermittlungen führt, in die Luft zu jagen.

Gut 16 Monate nach dem Terror von Madrid haben die Ermittler ein breit gefächertes Netz mutmaßlicher islamistischer Täter ausgemacht. Bisher werden rund 100 Verdächtige mit dem Madrider Anschlag in Verbindung gebracht – überwiegend Islamisten, die schon seit Jahren in Spanien lebten, teilweise als Extremisten bekannt waren, sogar observiert wurden und die „Madrider Terrorzelle“ formten. Auch wurden viele Verbindungen zu Terrorzellen in anderen europäischen Ländern, auch in Großbritannien, festgestellt. Annähernd 20 mutmaßliche Haupttäter, überwiegend Nordafrikaner, sitzen in Madrid derzeit in Untersuchungshaft. Wenigstens fünf weitere Hintermänner aus dem Umfeld von Al Qaida werden noch rund um den Globus gejagt. Der Beginn des Mammutprozesses wird für 2006 erwartet.

Vom Madrider Massaker führen auch Spuren zum Attentat vom 11. September 2001 in den USA, wegen dem derzeit 24 weitere Islamisten in Madrid vor Gericht stehen. Sie sollen bei der Finanzierung und Organisation des Flugzeugterrors vor vier Jahren geholfen haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar