Politik : Delphis neues Orakel

Griechenlands Schuldenverwalter unter Druck: Auch wenn er an Geld kommt, bleibt die Gefahr.

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Athen - So ähnlich würde es wohl auch die Pythia gesagt haben, das Orakel von Delphi: „Wir müssen den Kapitalmarkt nicht unmittelbar anzapfen – das heißt aber nicht, dass wir es nicht tun werden.“ Petros Christodoulou, seit zwei Wochen Chef der staatlichen griechischen Schuldenagentur, hält sich alle Optionen offen. Das gehört zum Katz-und-Maus-Spiel, das Christodoulou mit den Finanzmärkten spielt. Spätestens bis Mitte März muss er mindestens fünf Milliarden Euro besorgen. Sonst kann der Staat keine Gehälter und Renten mehr zahlen.

Christodoulou wartet jetzt darauf, dass die Kurse der griechischen Anleihen weiter steigen und die Renditen fallen. Der 50-Jährige weiß, wie die Märkte ticken. Nach dem Studium in Athen machte er seinen Master in Finanzwissenschaften an der New Yorker Columbia-Universität. Seine berufliche Karriere führte ihn von Credit Suisse First Boston in London über Goldman Sachs und JP Morgan zur National Bank of Greece, wo er zuletzt das Private Banking leitete und für die Refinanzierung zuständig war.

In seiner neuen Position als oberster Schuldenmanager des schwer angeschlagenen Landes trägt Christodoulou erheblich größere Verantwortung und bekommt vermutlich ein deutlich niedrigeres Gehalt als bisher.Überdies gilt der Job als Schleudersitz. Christodoulous Vorgänger Spyros Papanikolaou musste nicht nur gehen, weil er viel mit Journalisten sprach, er hatte auch einen peinlichen Patzer auszubaden: Bereits Ende Januar war Athen mit einer fünfjährigen Anleihe an den Markt gegangen und hatte acht Milliarden Euro aufgenommen. Der Bond war vierfach überzeichnet – scheinbar ein gutes Omen. Aber schon am ersten Handelstag schmierte der Kurs der neuen Anleihe ab. Christodoulou weiß: So ein Debakel darf sich das Land nicht noch einmal leisten.

Insgesamt hat Athen in diesem Jahr einen Finanzierungsbedarf von rund 54 Milliarden Euro. Allein im April und Mai werden Anleihen im Volumen von 22 Milliarden Euro zur Refinanzierung fällig. Christodoulou steht also unter Zeitdruck. Und selbst wenn er die bis Mitte des Jahres benötigten Gelder zu vertretbaren Konditionen aufnehmen kann, ist die Zitterpartie für ihn keineswegs zu Ende. Wenn sich nämlich in der zweiten Jahreshälfte herausstellen sollte, dass die Sparmaßnahmen nicht im erhofften Umfang greifen, die griechische Konjunktur tiefer einbricht als erwartet und der Staatshaushalt aus dem Ruder läuft, dann könnte eine neue Spekulationswelle die Renditen der Griechen-Bonds in ungeahnte Höhen treiben. Gerd Höhler

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