Politik : Dem Erzfeind verbunden

Zum amerikanischen Selbstverständnis gehört es, an der Spitze zu stehen. Aber die Konkurrenz aus China ist groß. Und hier und da haben die USA schon verloren.

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Was musste sich Barack Obama in seinen Präsidentschaftswahlkämpfen nicht alles anhören? Die Republikaner wollten sein Bekenntnis zum „American Exceptionalism“, der absurden These, dass die Amerikaner ein besseres Volk seien als die übrigen. Sie verhöhnten Obamas diplomatische Gesten, die auch mal eine Verbeugung vor ausländischen Staatschefs enthielten. Sie forderten eine harte Hand im Umgang mit anderen Ländern, insbesondere mit China. Obama sollte dem Land mehr Druck machen, um die dortige Währungsmanipulation zu stoppen. Was die Republikaner nicht einsehen wollten: Die USA müssen China immer mehr mit Samthandschuhen anfassen, denn die Supermacht im Osten hat ihnen längst den Rang der letzten verbliebenen Weltmacht abgenommen.

Amerika fällt seit Jahren in zahlreichen Bereichen hinter China zurück, vor allem wirtschaftlich sind die Vereinigten Staaten längst von den Asiaten abhängig. Obama weiß das, und er hat seine Politik und Diplomatie längst den neuen Gegebenheiten angepasst. „Die Beziehungen zwischen Amerika und China werden das 21. Jahrhundert bestimmen“, sagte er bereits 2009, als die damalige Außenministerin Hillary Clinton ihre erste Auslandsreise eben nach China unternahm und dem wichtigsten Partner ihre Reverenz erwies.

Nirgends ist die Abhängigkeit Amerikas von China so einfach zu erkennen wie in der Währungspolitik. China ist mit weitem Abstand der größte Gläubiger der USA. Zwei Drittel der chinesischen Währungsreserven sind in US-Dollar angelegt. Sollte China überraschend einen Kurswechsel einschlagen und seine Greenbacks abstoßen, würde der Dollar massiv einbrechen und den USA drohte die wohl schlimmste Wirtschaftskrise aller Zeiten.

Apropos Wirtschaftskrise: Seit Jahren wächst die chinesische Konjunktur, während die amerikanische eine schmerzhafte Rezession durchlief. Aktuell schwächelt zwar auch der Gigant in Asien, doch zeitgleich droht Amerika – nicht zuletzt während einer selbstverschuldeten Haushaltsmisere in Washington – gleich in eine erneute Rezession zu rutschen.

Im direkten Vergleich mit den USA hat sich China in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Seit Amerika massiv Jobs in die Volksrepublik ausgliederte, ist dort eine produzierende Industrie entstanden, die es in den USA so nicht mehr gibt. Gleichzeitig haben billig gefertigte Produkte aus China dafür gesorgt, dass in den USA die Ladenregale gut bestückt blieben, dass Verbraucher auch mit weniger Geld scheinbar viel kaufen konnten. Auch dass es in den vergangenen Jahren nicht zu einer Inflation der Verbraucherpreise kam, ist in erster Linie auf den Zufluss dollar-günstiger Waren aus Asien zu verdanken.

Ein Blick auf die jüngsten Konjunkturdaten fasst zusammen: China baut seinen Handelsbilanzüberschuss aus, während das Handelsbilanzdefizit der USA etwa allein im Dezember um fast 16 Prozent kletterte – angetrieben vor allem von Hightech-Importen. So werden etwa iPhones und andere elektronische Gadgets überwiegend in China gefertigt und in den Vereinigten Staaten verkauft.

Am Beispiel der Smartphones zeichnet sich die nächste Wende ab. Mit 246 Millionen aktivierten Geräten hat China gerade zum ersten mal mehr User gezählt als Amerika. Weitere Statistiken gefällig? China verfügt seit einigen Jahren über die schnellsten Superrechner. China gibt mehr Geld für Geschäftsreisen aus. China hat die USA als größten Kunden für deutsche Exporte abgelöst. Unterm Strich ist klar: China dominiert, die USA schwächeln. Kaum auszudenken, wie sich der Abstand zwischen den beiden Mächten vergrößert, wenn sich in China höhere Löhne für Arbeiter durchsetzen und ein Mittelstand mit Kaufkraft entsteht, wie er vor einem halben Jahrhundert Amerika und Europa in einen Boom geführt hat.

In den USA sieht man den Trend mit großer Sorge. Den Rang als letzte verbliebene Supermacht zu verlieren, ihn gar an einen ehemaligen Erzfeind zu verlieren, erfüllt Amerikaner mit Horror. Entsprechend aggressiv zeigen sich etwa die Republikaner immer wieder, wenn es um die bilateralen Beziehungen geht. Obwohl sich das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Ländern schon seit einem guten Jahrzehnt verschiebt, werfen sie Barack Obama vor, nicht mit harter Hand einen pro-amerikanischen Kurs in Peking zu fahren. Doch das ist leichter gesagt als getan. Einen Handelskrieg mit China kann man sich schlicht und einfach nicht leisten. Lars Halter

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