• Dem früheren Werksleiter wird die Beteiligung an Morden während der Diktatur in Argentinien vorgeworfen

Politik : Dem früheren Werksleiter wird die Beteiligung an Morden während der Diktatur in Argentinien vorgeworfen

Stefanie Kron

Erstmals wird gegen ein deutsches Unternehmen Anzeige wegen mutmaßlicher Verstrickung in Menschenrechtsverletzungen während der argentinischen Militärdiktatur (1976 - 1983) gestellt. "Beteiligung an Verschleppung und Ermordung von mindestens acht Gewerkschaftern der Mercedes-Benz-Niederlassung in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires", lautet der Vorwurf der Anzeigenschrift, die der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck am heutigen Dienstag bei der Berliner Staatsanwaltschaft einreichen wird. Die Pressestelle von DaimlerChrysler in Stuttgart sagte dem Tagesspiegel auf Anfrage: "Wir wissen von diesen Vorwürfen nichts und können uns deshalb dazu auch nicht äußern."

Die Strafanzeige richtet sich gegen Juan Tasselkraut, in den 70er Jahren Werksleiter der argentinischen Niederlassung des Automobilkonzerns, sowie gegen Emilio Massera und Jorge Videla, zwei der Ex-Generäle der Diktatur in Argentinien.

Nahezu 30 000 Menschen fielen dem argentinischen Militärregime zum Opfer. Die Unterdrückung richtete sich nicht nur gegen die politische Opposition, sondern auch gegen die erstarkte Gewerkschaftsbewegung. Die Chefetagen vieler Firmen kollaborierten mit dem Regime, um unbequeme Gewerkschafter loszuwerden. Zwischen April 1976 und August 1977 verschwanden mindestens 13 Betriebsräte der argentinischen Mercedes-Benz-Niederlassung. Am 31. August dieses Jahres strahlte der WDR eine Sendung mit dem Titel "Die Verschwundenen von Mercedes Benz" aus, die auf Recherchen der Journalistin Gabriele Weber beruht. Dem Beitrag zufolge soll das Führungspersonal von Mercedes Benz bei der Verfolgung von politisch aktiven Arbeitern den Repressionsorganen der Militärs in die Hände gearbeitet haben.

Mitte der 70er Jahre hatte sich auch bei Mercedes-Benz ein unabhängiger, links orientierter Betriebsrat - die "Gruppe der Neun" - gebildet. Die beiden Sprecher der Gruppe, Esteban Reimer und Hugo Ventura, wurden in der Nacht zum fünften Januar 1977 in ihren Wohnungen von Angehörigen der Armee verschleppt und sind bis heute verschwunden.

Die Ex-Juntachefs Videla und Massera gehören auch zu den 41 argentinischen Militärs, gegen die auf Betreiben der Nürnberger "Koalition gegen Straffreiheit" im April vergangenen Jahres Strafanzeige wegen Entführung und Ermordung von mindestens 70 Deutschstämmigen eingereicht wurde. Seit Juni 1998 ermittelt die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth in vier der Fälle, in einem weiteren seit März 1999. Bislang ergebnislos. Anfang Juni übergab Wolfgang Kaleck dem Berliner Justizsenator Körting vier weitere Strafanzeigen deutsch-jüdischer Diktaturopfer. Mit der Begründung, die "Zuständigkeit der deutschen Justiz sei wegen fehlender deutscher Staatsangehörigkeit nicht gegeben", lehnte die Bundesanwaltschaft die Annahme eines Verfahrens ab.

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