Politik : Demagoge ohne Reue

Serbe Seselj nennt UN-Tribunal illegitim

Thomas Roser

Belgrad - Mit wüsten Vorwürfen gegen seine Richter, die USA, Deutschland und den Vatikan hat der serbische Nationalist Vojislav Seselj seine Verteidigung vor dem UN-Kriegsverbrecher-Tribunal begonnen. Die Anklage wirft ihm Aufhetzung zum Massenmord vor. Doch der Prozess könnte schwierig werden: Kriegspropaganda sei kein Kriegsverbrechen, argumentiert Seselj.

Reue lässt der Nationalist nicht erkennen. Sein vierstündiges Plädoyer garnierte Seselj am Donnerstag mit wüsten Ausfällen gegen das „illegitime“ UN-Gericht. Das „serbenfeindliche“ Tribunal sei nach dem „Diktat der USA“ errichtet werden, um die „neue serbische Geschichte zu fälschen“. Der 53-jährige Chef der Serbischen Radikalen Partei (SRS) kritisierte die frühe Anerkennung Kroatiens als Ursache für den Zerfall Jugoslawiens. Den Völkermord an 8000 Muslimen in Srebrenica betritt er. Serbiens Regierung verunglimpfte er als „Marionetten-Regime“. Die Anklage, die ihm wegen seiner Hetzreden und der Anwerbung von Milizionären die Mitschuld an der Ermordung und Vertreibung von Kroaten und muslimischen Bosniaken Anfang der 90er Jahre anlastet, erklärte er für „unseriös“.

Markige Worte haben die politische Karriere des Juristen aus Sarajevo von Anfang an gepflastert. Schon zu Zeiten Jugoslawiens bescherten ihm seine nationalistischen Ausfälle 1984 eine Verurteilung zu acht Jahren Haft wegen „konterrevolutionärer“ Umtriebe. Absitzen musste der Nationalist nach heftigen Protesten zahlreicher Intellektueller aber nur 22 Monate. 1990 saß er wegen des Versuchs, das Mausoleum von Tito abzureißen, und der Anwerbung von freiwilligen Milizionären zur Verteidigung der bosnischen Republika Srpska erneut für wenige Monate im Gefängnis.

Nach dem Zerfall Jugoslawiens fand Seselj mit seinen Hetztiraden zur Schaffung eines Großserbiens immer mehr Gehör. 1991 gründete er die SRS – und wurde erstmals ins Parlament gewählt. 2003 stellte sich der Nationalist dem UN-Tribunal. Eifrig klebten seine Anhänger in den letzten Wochen in ganz Serbien die Plakate mit dem Seselj-Konterfei „gegen die Haager Diktatur“. Aus dem UN-Gefängnis in Scheveningen lenkt Seselj als SRS-Vorsitzender noch stets das Geschehen in seiner Partei, die mit über 28 Prozent die stärkste Fraktion des Parlaments stellt. Seine Ambitionen auf das Präsidentenamt hat Seselj trotz seiner Haft nicht aufgegeben. Thomas Roser

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