Demo-Welle geplant : Die Krise als Chance zum Protest

Es soll der Auftakt zu etwas Großem sein, zu einem grundlegenden Wandel der Gesellschaft: Wenn an diesem Samstag Kapitalismuskritiker in Berlin und in Frankfurt am Main auf die Straße gehen, sehen die Organisatoren darin den Beginn einer andauernden Protestwelle.

Johannes Schneider

Berlin  „Wir werden das ganze Jahr über Proteste auf die Beine stellen“, sagt Roland Klautke von Attac. „Die Unzufriedenheit über die Finanzkrise wird uns dabei helfen.“ Michael Prütz, Sprecher des Berliner Demonstrationsbündnisses, geht noch weiter: „Wir arbeiten auf französische Verhältnisse hin, ganz klar.“

Doch wie sehr beeinflusst die Krise die Stimmung im Land tatsächlich? Andrea Wolf vom Mannheimer Meinungsforschungsinstitut „Forschungsgruppe Wahlen“ kommt zu einem zwiespältigen Ergebnis. Zwar nähmen die Sorgen der Menschen um ihre Arbeitsplätze zu. So glaubten Anfang März sieben von zehn Deutschen, dass es mit der Wirtschaft abwärtsgehen wird. „Das ist der höchste Wert, seitdem wir diese Frage 1995 erstmals gestellt haben“, sagt Wolf. Sie sieht „einen riesigen wirtschaftlichen Pessimismus“. Ihre persönliche Lage schätzen die Befragten allerdings vergleichsweise positiv ein: 43 Prozent sagen, ihnen gehe es wirtschaftlich gut. „Das sind kaum weniger als vor der Krise“, sagt Wolf. Die Schere zwischen allgemeiner und persönlicher Einschätzung erklärt sie sich damit, dass die Krise beim Einzelnen meist noch nicht angekommen sei. „Später kann der individuelle Pessimismus zunehmen.“

Genau darauf setzen die Kapitalismuskritiker. Es sei schwierig, Menschen zu mobilisieren, die noch Arbeit haben, sagt Christina Kaindl von der antikapitalistischen „Gruppe soziale Kämpfe“, die sich an den heutigen Demonstrationen beteiligt. „Aber wenn Massenentlassungen kommen, werden auch mehr Menschen auf die Straße gehen.“

Ob diese sich dann ähnlich radikal wie manche französische Demonstranten verhalten, wagt zumindest Ellen Immergut von der Berliner Humboldt-Universität zu bezweifeln. Die Politikwissenschaftlerin hat sich auf den Vergleich nationaler politischer Systeme spezialisiert. Im Gegensatz zu Frankreich, sagt Immergut, gebe es in Deutschland eine starke Tradition, politische Anliegen in Organisationen zu bündeln. „In Frankreich geht man auf die Straße, um seine Meinung zu äußern“, sagt Immergut. „In Deutschland gründet man eher einen Interessenverband.“

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