Politik : Democrazia Cristiana: Wiederbelebung in der politischen Mitte

Werner Raith

"Memento mori" flüsterte im antiken Rom ein robuster Sklave dem im Triumph in die Stadt einziehenden Feldherrn zu, um ihm mögliche Allmachtsgelüste zu nehmen: Gedenke, dass du ein Sterblicher bist. Der Triumphator, der heute in Rimini vor mehreren hunderttausend Teilnehmern beim Treffen des katholischen Laienverbandes "Comunione e liberazione" einziehen wird, heißt Silvio Berlusconi. Dem 64-Jährigen hat bereits vorab jemand das Memento zugerufen, der selbst seit Jahrzehnten der uneingeschränkt umjubelte Star dieser alljährlichen Veranstaltung ist, nämlich Giulio Andreotti, 81. Zwar werden die päpstlichen Fußtruppen, deren geschätztes Wählerpotenzial auf mehrere Millionen Stimmen geschätzt wird, den Mailänder Medienzaren und Führer der Rechts-Opposition nun als ihren künftigen politischen "Führer" ausrufen. Doch der, so hat Andreotti verfügt, solle sich nur nicht einbilden, dass das eine Ernennung ohne Bedingungen sei: "In der Republik gibt es keine Krönungen", sagte er, "und politische Positionen auf Lebenszeit schon gar nicht". Und im Übrigen, damit es der potienzielle Nachfolger nur weiß: "Ich fühle mich pudelwohl und habe nicht die Absicht, schon aufs Altenteil zu gehen."

Das unter dem Motto "Fest der Freundschaft unter den Völkern" stattfindende fünftägige Treffen im Adria-Badeort Rimini ist diesmal eigentlich dem Thema "Internet und Demokratisierung der Massenkommunikation" gewidmet. Aber das Hauptaugenmerk richtet sich ausschließlich auf drei Aspekte: Auf die nun, nach den Freisprüchen in den Mord- und Mafiaprozessen, wieder alles überstrahlende Figur des Giulio Andreotti; auf sein bei diesem Treffen mit aller Energie propagierte Projekt einer Wiederbelebung der 1994 in der Wählergunst abgestürzten und danach aufgelösten Democrazia Cristiana (DC) - und Berlusconis Inthronisierung als politische Leitfigur dieses mit dem Arbeitstitel "Großes Zentrum" versehenen politischen Konglomerates.

Seit ihrer "Beerdigung" hatte es mehrere Versuche zur Wiederbelebung der DC gegeben, aber bisher stets ohne Erfolg. Der letzte große Anlauf kam vom ehemaligen Staatspräsidenten Cossiga, der mit seiner "Union demokratischer Republikaner" ein Sammelbecken alter DC-Anhänger schaffen wollte - ohne Erfolg.

Andreotti mit seinem unbestrittenen taktischen und strategischen Geschick werden erstmals tatsächlich Chancen auf Realisierung des Projekts "neue DC" eingeräumt, wenngleich die von ihm umworbenen moderaten Parteien der Mitte-Links-Koalition, die Popolari und die Democratici, sofort klare Absagen erteilt haben. Aber der alte Fuchs Andreotti weiß, dass gerade diese kleineren Mitte-Parteien seine Verlockungen zum Aufbau größerer Selbstständigkeit innerhalb ihrer Allianzen nutzen werden. Andreotti wartet nur darauf, weitere Keile in die Koalition zu treiben. Er weiß aber auch, dass nur er selbst über die nötige Integrationskraft verfügt, nicht aber Berlusconi. Wenn Andreotti aber sagt, dass die neue Führungsfigur ohnehin nur eine "begrenzte Zeit" wirken werde, dann ist das vor allem auch ein Zeichen an das Fußvolk, dass er den Nachfolger nur aus Altersgründen einsetzt. Die Zügel will er aber, solange er lebt, in der Hand halten.

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